(Mit Genehmigung der Firma Wilh. Junge, Altona.)
»... Uhlhorn & Phylax hieß die Bierwirtschaft.«
Der Betrieb geriet auch gleich in vollen Schwung, die Seeleute kamen, und die, welche eintraten, wurden ordentlich verankert. Denn jeder konnte ja Geschichten vertellen. »Voll Haus wurde« und viele Kasten Bier mußten heran. Am nächsten Tag war der Fuhrmann erstaunt, daß er das Doppelte an Bier abladen mußte. Die Firma blühte also auf, und Mutter Schroth konnte ihre Entfettungskur in Karlsbad ordentlich vornehmen. Aber nur mit der Abrechnung wollte es nicht stimmen, wir hatten am nächsten Morgen Unterbilanz.
Wir malten nämlich jede Flasche Bier, die getrunken wurde, mit Kreide an die Wandtafel. Das ging auch ganz gut, solange wir selber nüchtern waren. Aber wenn die allgemeine Stimmung auf die Höhe kam, betätigte sich in der Stille irgendein guter Maat, indem er ein paar Striche einfach wieder weglöschte. Vier Wochen hatten wir die Wirtschaft, die Einnahmen waren gleich Null. Die zehn Prozent, die wir Mutter Schroth, wie vereinbart, abgeben mußten (was darüber war, durften wir behalten), gaben wir aus unserer Tasche und zogen uns aus der Branche wieder zurück.
Wenn Jan Maat an Land etwas unternimmt, so fehlt ihm meistenteils die Ausdauer. Er verliert, wenn er das Festland verläßt, auch den Zusammenhang mit dem meisten, was dort wichtig genommen wird. Kommt er nach Monaten in einen fremden Erdteil, so begehrt er Nachrichten aus der Heimat, die schon alt sind, wenn er sie erhält, aber die Neuigkeiten des betreffenden Landes interessieren ihn gar nicht. Er lernt philosophisch denken über den Wert der jeweiligen Gegenwart, ihrer Moden und ihrer Geschäfte, und empfindet, daß die See ihm als besondere Gunst immer wieder die Kraft gibt, von dem nichtigen Tagestreiben sich zu den einfachen, großen Stimmungen des Lebens emportragen zu lassen.
Kommt der Seemann nach langer Reise in die Heimat zurück, so sind inzwischen viele Begebenheiten, die die andern bewegten und von denen er nichts erfuhr, bereits wieder in Vergessenheit geraten. Blättert er einmal alte Zeitschriften durch, so findet er vieles, was ihm unbekannt ist, und er fragt: »Was habt ihr denn hier gemacht?«, worauf er die erstaunte Antwort erhält: »Das wißt ihr nicht?«, und jeder schüttelt den Kopf.
Auf der langen Fahrt sehnt sich der Seemann aber doch nach der Heimat und malt sich aus, was er alles tun will, wenn er an Land kommt. Das Unangenehmste, was ihm, besonders aber dem Kapitän, geschehen kann, ist Windstille, wenn das Schiff nach Hause fährt. Auch wenn sie nur ein bis zwei Tage anhält, werden alle Hilfsmittel in Bewegung gesetzt, denn, wie der Mensch ist, bildet sich der Kapitän in solchen Tagen ein, daß nun überhaupt nie mehr Wind kommen werde. Zunächst sieht er seine Ladungsprozente schwinden. Er hatte, solange es gut ging, angenommen, daß der vorige Wind überhaupt nicht aufhören und er mit der augenblicklichen Geschwindigkeit in der Heimat ankommen werde. Nun diese Stille! Er fängt an, zuerst den »Jonas«, den Unglücksraben an Bord zu suchen. Der nächste, an dem er seine Laune ausläßt, ist der Mann am Ruder. Er hat alles mögliche an ihm auszusetzen, ist innerlich überzeugt, daß, wenn der am Ruder steht, nie Wind kommen wird, weil er den Wind vertreibt. Schließlich nimmt er seine Mütze ab, tritt darauf vor Ungeduld und fängt an zu pfeifen, was an Bord eines Segelschiffes verpönt ist, weil es bedeutet, daß man den Sturm heranpfeife. Dann ruft er einen Schiffsjungen, der an dem Mast kratzen soll, weil dies auch Wind bedeutet, und wenn das nichts hilft, jagt er den Kajütenjungen aus der Kajüte, drückt ihm einen Besen in den Arm mit dem Befehl, sich auf den obersten Topp des Mastes zu setzen und den Himmel zu fegen. Schließlich nimmt er selbst eine alte Büx oder einen alten Stiefel und wirft ihn über Bord, um auch mit diesen Mitteln Wind heranzulocken. Dann geht er wieder runter, setzt sich einen Augenblick in seine Kajüte in der Hoffnung, daß mittlerweile Wind im Anzug ist. Wenn er wieder herauskommt und noch dieselbe Stille herrscht, macht er Krach mit dem Rudersmann, ärgert sich über das grinsende Gesicht dieses Jonas und ruft einen andern Mann ans Ruder: »Na, Jan, du büst doch ’n Keerl, süh du mal to, dat Wind kümmt, du steihst di doch sonst god mit Petrus.« Bestimmt erwartend, daß dies nun etwas genützt hat, geht er auf und ab. Tatsächlich: Da kommt ein leichter Luftzug. Man erkennt fern am Horizont ein Kräuseln des leicht dünenden Meeres. Einer atmet auf, der Kapitän. »Jan, du büst ’n fixen Keerl! hev ik dat nich seggt? Du salst ook en half Pund Tobak hebben.«
Monatelang sieht Jan Maat kein Geld und findet keine Gelegenheit, etwas auszugeben. So denkt er häufig an die Zukunft, da er an Land plötzlich eine große Summe in Händen haben wird. Schon an Bord beschäftigt sich die müßige Phantasie mit dem großen Augenblick, da er mit seinem Büdel voll Geld als Kapitalist die Schätze des Landes mustern wird. An Bord wird keine noch so veraltete Zeitschrift weggeworfen. Alte Modeblätter gehen von Hand zu Hand. »Du, Tedje, dat is en Anzug, do sühst du no wat ut.« Möglichst weiter Westenausschnitt, aus dem das sonntägliche weiße Vorhemd breit hervorquillt, wird bevorzugt. Die Kataloge der Warenhäuser werden sorgfältig gewälzt. »Wat, so ’n Grammophon blot vertig Mark, dat mut ik hem, mit all die feinsten Platten und Leeder.« Eine »Binnenreis’« wird geplant. »Na München mut ik mal hen, do sall dat ja grotartig sin.«
Wenn er dann an seinem vollgerundeten, tropenverbrannten Gesicht für jedermann kenntlich als einer der von »de lange Reis’« kommt, an Land gestiegen ist, zerrinnen die ganzen Pläne. Vieles Hin- und Herkreuzen an Land und insbesondere in Sankt Pauli nimmt ihn in Anspruch, und die Fata morgana, die ihm an Bord vorgegaukelt war, wird bald vergessen.
Wenn Hein und Tedje, welche auf einem andern Schiff angemustert haben und klar zur zweiten Reise sind, sich wieder begegnen, fragt Hein: »Na Tedje, wie süht dat in München ut?« Tedje, der überhaupt nicht auf die Eisenbahn und von der Wasserkante weggekommen ist, fragt nur dagegen: »Hest du din Grammophon?«