Ich ging ins Examen, nicht um es als erster zu machen, sondern um als letzter fertig zu werden! Denn ich wollte ganz sorgfältig alle Aufgaben durchrechnen. Wenn sich einer über meine Fortschritte freute, so war es der Direktor Schulze, der sich alle Mühe mit mir gegeben hatte. Ich fing damals an, etwas zu dichten und gestand ihm das. »Sie dichten auch, Phylax?« sagte er, »das ist ja wundervoll, dann können Sie Sonntag nachmittag mal zu mir kommen und mit mir dichten.« Ich ging hin und bildete mir auf mein Talent etwas ein. Da ging er mit mir hinunter zum Travekanal und sagte: »Nun kommen Sie mal, nun wollen wir mein Boot dichten, das ist leck.«

Als der Examenstag da war und alle die Herren prüfend im Frack bereit saßen, bekam ich doch etwas Angst. Ich hatte mir, um guten Eindruck zu machen, rote Tinte mitgenommen, um die Hauptresultate zu unterstreichen. Denn bei der Anfertigung einer Aufgabe ist ja die gute Übersicht die Hauptsache. Glücklicherweise gab es damals noch ordentliches Papier! Das heutige Kriegspapier hätte ich mit meiner schweren, ungeübten Hand ganz durchgeschrieben beim festen Aufdrücken. Ich gebrauchte den dicksten Federhalter, den ich erstehen konnte, fast so stark wie ein Spazierstock, der sich so in die Hand legte, daß ich sie nicht zuzudrücken brauchte. Nur konnte man ihn nirgends recht hinlegen, da er wie eine Birne war und überall herunterrollte. Es war ein Federhalter für Leute mit einem Schlaganfall, die mit zwei Händen schreiben.

»... Das Examen dauerte sechs Tage.« (Original im Besitz von Prof. Dr. Schulze.)

Das schriftliche Examen dauerte sechs Tage, und danach kam mit dem mündlichen erst die Hauptaufregung. Aber es ging vorbei, und nachher zwinkerte der Direktor mir zu, drückte mir die Hand und sagte, was er eigentlich nicht durfte: »Phylax, das Examen hast du in der Tasch’.« Da war ich aber froh! Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen. Wir haben derartig gefeiert, daß ich mich eines Morgens in einer Gartenlaube wiederfinde. Da ist ein Mann, der will seinen Garten sprengen und ist erstaunt, da einen verschwiemelten Steuermannsschüler liegen zu sehen. »Was liegen Sie denn hier?« Ich wußte nicht, was los war und vermochte nur zu antworten: »Was sprengen Sie denn hier?«

Donnerwetter, das war also das erste Examen! Am liebsten wäre ich gleich zu meinen Eltern hingelaufen. Mein Professor hatte ja heimlich nachgeforscht und festgestellt, daß meine Eltern lebten, und mein Bruder Fähnrich war. Alles das erfuhr ich unter der Hand. Aber ich verbiß mir noch einmal den Wunsch, heimzukehren, denn ich hatte seinerzeit gelobt, Kaisers Rock mit Ehren zu tragen. Nun setzte ich mir in den Kopf, erst wieder aufzutauchen, wenn ich sagen konnte, ich wäre Offizier.


Fünftes Kapitel.
Kaisers Rock.