Nach dem Examen suchte ich Stellung bei den größten Hamburger Reedereien und wurde von der Hamburg-Südamerika-Linie als Wachoffizier angenommen. So kam ich an Bord der »Petropolis«. Ich hatte mir jetzt an Stelle der Seekiste einen Koffer angeschafft und kam mir damit vor wie ein Kapitän. Ich hatte mir Glacéhandschuhe besorgt und weiße Schuhe und sehe mich noch, wie ich mir die ersten Manschettenknöpfe kaufe. Auch eine Extrauniform hatte ich neben der Freiuniform bestellt. Als ich in Uniform auf der »Petropolis« spazieren ging, fühlte ich mich wie ein junger Gott. Als ich zum letztenmal ein Schiff verlassen hatte, da war ich noch ein Matrose, mußte Rost schrapen und alles dergleichen. Jetzt kam mir der Unterschied so sonderbar vor. Ich ging an Deck auf und ab und hatte nirgends mehr Hand anzulegen.

Der Kapitän, Feldmann, war ein famoser Kerl, der sich meiner sehr annahm. Ich blickte öfters in den Spiegel und dachte: »Jetzt siehst du ihm schon ähnlicher.« Ich gab viel auf mein Äußeres, pflegte meine Hände, was höllisch schwer wurde, denn die alten Taudrücker waren doch recht vierkant geworden. Ich überlegte lange hin und her, ob es besser wäre, einen kurzen oder langen Schnurrbart stehenzulassen. »Mensch, Phylax,« dachte ich, »jetzt hast du es geschafft. Wie hast du dich verändert!«

Nachdem ich drei Wochen Wachoffizier gewesen war, ging die Reise los. Es kam nun darauf an, auf der Brücke Offiziersdienste zu leisten. Der Kapitän belehrte mich herzlich. Es würde mir wohl vieles neu vorkommen, aber jeder Anfänger, der vorher Matrose war, käme sich furchtbar dumm und ungeschickt vor; ich sollte darüber nicht untröstlich sein, sondern es als Erfahrung hinnehmen, die er bei allen jungen Offizieren gemacht hätte. Ich dachte: das ist ein vernünftiger Mann.

Die Fahrt ging elbabwärts. Ich sprach mit den Lotsen über dies und jenes. Die Manschetten rutschten mir noch, das Handanlegen an die Mütze kam mir komisch vor.

Dann kam die erste Navigation in der Praxis. Ich rechnete also los, mit dem Schulsystem, und brauchte dreiviertel Stunden. Da war ich schön überrascht, als die andern schon fertig waren, während ich noch rechnete und es überdies 50 Seemeilen verkehrt herausbekam! Man fragte aber merkwürdigerweise gar nicht nach meinem Ergebnis. So ging es Tage und Wochen; niemals wurde nach meiner Navigation gefragt. Endlich lernte ich mich aber ein und ging stolz meine eigene Wache. Ich fühlte mich auch nirgends wohler, als wenn ich allein auf der Brücke war und an frühere Zeiten denken konnte. Immer wieder tauchte die Sehnsucht nach den Eltern auf. Wenn die jetzt wüßten, wo du bist! Nie habe ich mehr die Elternliebe empfunden. Wie brutal kam ich mir vor, daß ich nicht zu meinen Eltern ging. Aber noch blieb ich dickköpfig.

Auf der »Petropolis« fuhr ich dreiviertel Jahr. Jetzt konnte ich als Einjähriger zur Kriegsmarine gehen. Als am 1. Oktober Einstellung war, meldete ich mich. Auf der »Petropolis« hatte ich mich in manches gute Buch vertieft, wenn ich auch nicht viel davon verstand. Jetzt fuhr ich also mit einem Kameraden von der Navigationsschule zusammen nach Kiel. Zum erstenmal in meinem Leben leistete ich mir eine Fahrkarte zweiter Klasse. Wir kamen uns vornehm vor; uns gegenüber saß ein Herr mit einem Spitzbart, das mußte unserer Meinung nach unbedingt ein Marineoffizier sein. Deshalb benahmen wir uns angestrengt reserviert.

Dann kam die Einstellung. Die ersten Tage wurden wir tüchtig auf dem Kasernenhof umhergehetzt. Als wir so eines Tages langsamen Schritt übten, was mir meines gebrochenen Beines wegen saure Schmerzen bereitete, kam eine Ordonnanz von der Station und fragte den Oberleutnant, ob hier ein Einjähriger Graf Luckner wäre? Großes Aufsehen. Der Oberleutnant fragte mich, ob ich einen Verwandten auf der Station hätte? Ich meldete: Nein. Dann wurden mir zwei Unteroffiziere mitgegeben, die sollten mich erst einkleiden, denn wir hatten ja bisher nur Drillichzeug getragen.

Während ich schön gemacht wurde, ging mir die »Station« im Kopfe herum. Was ist das, Polizeistation, Wachstation? Was mochte jetzt von meinem Sündenregister herausgekommen sein, die Marine kriegt ja alles heraus.

Schließlich kamen wir zu einem roten Gebäude. Ich lese in meiner Beklemmung die Aufschrift: Ackermann, Adjutant. Der eine Unteroffizier trat ein und meldete. Dann mußte ich eintreten. Ich soll zum Admiral Graf Baudissin kommen. Ja, wie wird denn solch ein hoher Herr angeredet? dachte ich bei mir; die Hauptsache ist wohl: immer stramm stehen. Drinnen sitzt der Admiral mit großen goldenen Streifen. Ich stehe da, die Ellenbogen und die Hände fest angelegt.

»Sagen Sie mal, was sind Sie für ein Luckner?«