»Und dann, Felix, kannst du zweimal die Woche zu mir kommen. Meine Tochter soll dir etwas Aufsatz beibringen, denn Junge, Junge, du sprichst ja ein fürchterliches Deutsch.«
Ich hatte mich schon für einen ganz gebildeten Menschen gehalten, aber mein »mir« und »mich« muß doch anderen noch auf die Nerven gefallen sein, und bei den Aufsätzen war die Kritik immer: Deutsch mangelhaft. Jetzt fing ich aber an zu lernen: »Mit, nach, nächst, nebst, samt, bei, seit« usw., und legte es mir zurecht, wann »mir«, wann »mich« zu setzen wäre. Einen Lebenslauf sollte ich jetzt verfassen, obwohl ich in meinem Leben noch nie einen Brief geschrieben hatte. In dem »Lebenslauf« habe ich sie aber tüchtig verkohlt, denn ich konnte doch nicht schreiben, daß ich bei der Heilsarmee war oder Leuchtturmwärter. Meine ganze Laufbahn hätte ich mir damit verdorben.
Ich lebte mich schnell bei der Marine ein und die Sache ging gut als Rekrut zuerst, dann auf dem »Mars« zum Artilleriekursus. Als ich von dort in die Flotte kam, stieß mir bald ein schwerer Unfall zu. Ein Boot mit Beurlaubten, das zum »Kaiser Wilhelm dem Großen« zurückfuhr, war im Begriff, in das unglücklicherweise ungeheißte Fallreep des Kriegsschiffes hineinzufahren, als ich gerade auf diesem die Wache ging. Ich versuchte, das Boot mit Hilfe seiner Vorleine zu stoppen, und verließ mich dabei zu sehr auf meine eigene Kraft. Ich erreichte auch, daß der Zusammenstoß stark gebremst wurde, aber das Fahrtmoment war doch viel zu schwer, und das Boot zog mich gegen das Kettengeländer, wo eine eiserne Stütze war. Diese ging mir durch den Leib und durchriß den Darm zweimal. Die Operation durch Professor Helfferich gelang vorzüglich; als ich aber nach acht Tagen aus dem Zimmer der Schwerkranken in das Leichtkrankenzimmer überführt worden war, habe ich eine große Dummheit begangen. Ich ahnte gar nicht, wie zerrissen mein Darm war, und fühlte mich durch das lange Fasten so ausgehungert, daß ich mir eines Sonntags, als mein Bettnachbar von Besuchern Pflaumen bekam, auch davon ausbat. Als Einjähriger hätte ich mich ja mehr beherrschen sollen, aber die Pflaumen taten mir wohl. Als aber der Verband am nächsten Tag erneuert wird, schlägt der Stabsarzt die Hände überm Kopf zusammen, denn da lag die ganze Pflaumengeschichte im Verband. Ich hatte nicht gewußt, daß der Darm abgebunden war; der war nun gerissen. Ich sollte sofort in Arrest kommen, wenn ich gesund wäre, und bekam zunächst mal eine Wache, damit ich nicht wieder »in die Plum« ginge.
Die im Lazarett verlorene Zeit wurde mir infolge meiner zufriedenstellenden Leistungen an Bord geschenkt. Ich wurde Unteroffizier; dann kam der Tag, wo ich die Übung als Vizesteuermann machen durfte, und nun wurde ich als Leutnant zur See der Reserve entlassen. Da mußte ich nochmals bei Onkel Fritz antreten, der mir Anweisung gab, wie ich es machen sollte, wenn ich nach Hause käme.
Auf der Reichskriegsmarine (an Bord S. M. S. »Kronprinz«, im Jahre 1915).
Ich zog mir kleine Uniform an, kaufte mir einen Dreimaster, Epauletten, Säbelschärpe und Visitenkarten und ging nach so viel Jahren zum erstenmal »to hus«.
In Halle a. Saale angelangt, stellte ich mein Zeug in einem Gasthof unter und zog mich sorgfältig an. Ich gehe zu dem stillen Haus auf der »Alten Promenade«; es hat sich in all den Jahren nichts verändert. Ich steige die Treppe hinauf und gebe die Karte ab.
Da höre ich die wohlbekannte Stimme des alten Herrn: »Leutnant zur See Felix Luckner? Gibt’s ja gar nicht, aber ich lasse den Grafen bitten.«