In den Schoß der Familie aufgenommen, wurde ich auch in die Familiengeschichte eingeweiht. Dabei entdeckte man einiges, was auf die eigene Entwicklung Licht warf. Man war doch nicht so aus der Art geschlagen, wie man gedacht hatte. Unser Stammvater Nikolaus Luckner, 1722 in Bayern geboren, erhielt als Schüler im Passauer Jesuitenkollegium »wegen einigen Leichtsinns und Wildheit« den Beinamen Libertinus. Er entlief aus nicht näher bekannten, aber sicher zwingenden Gründen mit fünfzehn Jahren der Schule, trat in ein bayrisches Infanterie-Regiment und kämpfte gegen die Türken. Dann wurde er, da ihm das Zufußgehen zu langsam ging, Leutnant in einem Husarenregiment, das aus dem bayrischen Dienst 1745 als gemietete Truppe in den holländischen übertrat. Der Deutsche hatte damals ja leider noch kein Vaterland, bestenfalls Vaterländer. Als aber der alte Fritz gegen die Franzosen kämpfen mußte, übernahm Major von Luckner 1757 die selbständige Bildung eines hannöverschen Husarenkorps, das unter preußischem Oberbefehl focht. Die Lucknerhusaren, die der Ahnherr Mann für Mann nach Ablegung einer Mutsprobe persönlich anwarb, waren bald in ganz Norddeutschland durch unzählige Waffenstreiche berühmt, und ihr Führer wurde der Ziethen des westlichen Kriegsschauplatzes. Als aber nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges das Regiment durch seinen Landesherrn, den englischen König, aufgelöst wurde, entgegen den Versprechungen, die man ihm gegeben hatte, nahm General v. Luckner gekränkt seinen Abschied aus hannöverschen Diensten. Der Feind wußte seinen Degen besser zu schätzen: der König von Frankreich bot dem sagenumwobenen Kämpfer ein neues Wirkungsfeld. Sein Herz schlug deutsch wie das eines Johann von Weerth oder Derfflinger; aber Deutschland hatte für sein Soldatenblut keine Verwendung. So wurde Herr Nikolaus, der einmal in der Schlacht inmitten eines französischen Regiments einen Überläufer erkennend, in die enggeschlossenen Glieder hineingesprengt war, um dem Ausreißer den Kopf zu spalten, selber ein Söldner des Auslandes, nicht der erste und leider auch nicht der letzte deutsche Haudegen, der diesen Weg gegangen ist. Er, der kaum französisch konnte, als er übertrat, mußte nun zuletzt als Marschall von Frankreich und Führer der französischen Nordarmee 1792 gegen Österreicher und Preußen kämpfen. Er hatte aber als »Franzose« ebensoviel Unglück, wie er früher als preußischer Parteigänger Glück entwickelt hatte, und als der Greis 1794 nach Paris fuhr, um seine Pension abzuholen, die ihm die Republik nebst vielen Vorschüssen an seine Armee schuldig geblieben war, legte man seinen Kopf unter die Guillotine, ungeachtet dessen, daß der Dichter der Marseillaise sie ihm gewidmet hatte.

Er selbst war willens gewesen, sein Leben in Holstein zu beschließen, wo er durch Heirat Gutsherr geworden war. Schiffskapitäne und Husarenoffiziere, die leichtbeweglich sind und viel durch die Welt streifen, siedeln sich auf ihre alten Tage gern dort an, wo auf ihren Wanderzügen ihr Herz hängen geblieben ist. So kamen die Luckners nach Holstein und wurden dänische Grafen. In Holstein ist mein Vater geboren. Als er das kritische fünfzehnte Jahr erreicht hatte — es war gerade im Jahre 1848 — lief auch er von der Schule weg. Er wollte gegen die Dänen fechten, nahm jahrelang an allen Kämpfen teil und kehrte 1850 als Dragonerleutnant nach Hause zurück. Den Geschmack an den Studien hatte er verloren. Er wurde Landwirt und war bald in ganz Holstein durch Gastfreundschaft und allerhand lustige Streiche bekannt. In Bramstedt wird noch das Denkmal gezeigt, dessen Sockel der »tolle Luckner« auf dem selbstgezüchteten, edlen Hengst im Sprunge nahm. So oft der König rief, 1864, 1866, 1870, trat mein Vater in die Armee ein. Aber nach beendetem Kriege kehrte er jedesmal nach Hause zurück. Er wollte im Frieden nicht Soldat sein, nur Schütze und Jäger. Gute Freunde nutzten den liebenswürdigen Herrn und seine Sportleidenschaft aus; er verlor schließlich seine Besitzung und siedelte nach Dresden über, wo sein Vetter lebte, der gleichfalls nur der »tolle Luckner« hieß. Dieser fuhr gern mit knallroter Equipage sechsspännig durch Dresden — auch hinderten ihn dabei nicht die Stufen der Brühlschen Terrasse —, und als ihm der König das Sechsspännigfahren verbot, nahm er fünf Pferde und einen Maulesel. Eines Tages saß er mit einem Freund im Gasthof bei Tisch, als eine schöne junge Dame, Gräfin X, den Saal betrat. Mein Onkel, der ihr noch nicht vorgestellt war, fing Feuer und wettete sofort mit seinem Freund um ein Rittergut, daß er sich die Hand der Dame erringen werde. Wenige Wochen darauf war das Paar aufgeboten; er hatte aber inzwischen bei näherer Bekanntschaft die Lust verloren und zog es vor, anstatt zur Trauung auf die Festung Königstein zu wandern, um wegen Pistolenzweikampfs mit einem Verwandten der Dame in Haft zu büßen. Auf Königstein war es langweilig, und so vertrieb er sich die Zeit, indem er in die vorbeifließende Elbe mit Talern warf, um herauszubekommen, ob sie »rikochierten«.

Kavalleristisch galoppiert es durch die Lucknersche Familiengeschichte. Einsetzen der Person und ein fröhliches Lachen ist vom Ahnherrn erblich; irdische Güter sind gekommen und gegangen, das Herz ist auf dem alten Fleck geblieben. Viel deutsche Geschichte drängt sich schon auf den wenigen Blättern unserer Familienchronik durcheinander. Aber sollte Deutschland noch einmal ums Dasein kämpfen müssen, sind hoffentlich auch die Luckners wieder zur Stelle.


Sechstes Kapitel.
Offizier und immer mal wieder Matrose.

Ich fuhr nun zwei Jahre bei der Hamburg-Amerika-Linie. Während dieser Fahrten bereitete ich mich aufs Kapitänsexamen vor. Ich bin nicht mehr auf eine Schule gegangen, sondern habe mich privat vorbereitet. In Hamburg nahm ich einige Zeit Privatstunden zu diesem Zweck. Nachmittags pflegte ich dann auf der Unterelbe hinter Altona bei Neumühlen mit einigen Kameraden zu segeln. Es ereignete sich einmal, daß in einem vor uns segelnden Boot ein Mann, der weder ordentlich segeln, noch schwimmen konnte, ein Kölner Kaufmann, durch den Besanbaum von Bord geschlagen wurde. Ich schwamm nach der Stelle, wo er hineingefallen war. Wie ich hinkomme, ist er untergegangen, so daß ich tauche und ihn in ziemlicher Tiefe fasse. Ich schiebe ihn hoch, und er gelangt dadurch früher an die Oberfläche als ich. Wie ich nun nachkomme und Luft hole, umkrallt er mit Armen und Beinen meinen Körper. So werde ich mit ihm hinuntergezogen. Endlich werden durch Zufall meine Beine frei, ich stoße mich von ihm ab und komme dadurch los und gelange wieder hoch. Es wurde mir schon schwarz vor den Augen, aber ich erholte mich und tauchte nochmals. Lange blieb ich mit dem Unglücklichen auf der gleichen Höhe des Flusses, da der Strom uns mit gleicher Geschwindigkeit fortriß. Endlich bekam ich den schon Bewußtlosen zu fassen und arbeitete mich gut 500 Meter über die breite Elbe ans Ufer. Als ich drüben ankomme, hat sich eine große Menschenmenge gesammelt. Ich bin ganz erschöpft und will meinen Mann abgeben, als ich Grund spüre. Da brach ich infolge der Kraftanstrengung bewußtlos zusammen. Ein alter Herr will mich da mit dem Regenschirm herangestakert und herausgeholt haben. Der Verunglückte wurde wieder belebt und nach einer halben Stunde kam ich auch wieder zum Bewußtsein und fuhr nach Hause.

Lebensrettungen sind verhältnismäßig langweilig zu erzählen. Ich muß sie nur erwähnen, weil sie in meiner Laufbahn eine gewisse Rolle gespielt haben. Im übrigen lernt man nie einen Menschen richtig retten, da man ja nicht wie ein Bademeister immer auf der Hut steht, sondern zufällig dazu kommt, dann ist man selber so aufgeregt, daß man die Örtlichkeit und die Besonderheiten des Falles nicht lange überlegen kann. Im Reglement »Wie man Ertrinkende retten soll«, ist das alles so rosig und einfach dargestellt. Zum Beispiel: man soll den Ertrinkenden von hinten her bei den Haaren fassen. Aber abgesehen davon, daß man oft nicht weiß, ob der Betreffende Haare hat, ist in den Vorschriften der Fall nicht vorgesehen, wenn ein Ertrinkender in trübem, undurchsichtigem Wasser untergetaucht ist, wobei es leicht vorkommt, daß er einen unter Wasser schneller anfaßt, wie man ihn selbst packen kann, und das sind die häufigsten Fälle, denen man bei Rettung Ertrinkender begegnet.

Acht Tage später lud mich das Bezirkskommando vor; sie hatten die Geschichte aus den Zeitungen erfahren, und ich sollte nun Zeugen angeben, damit ich die Rettungsmedaille bekäme. Ich erwiderte, daß ich nicht nach Zeugen suchen möchte. Es hieß aber, daß die Bestimmung Zeugen verlangte. So konnten wir uns nicht einigen.

Inzwischen hatte ich mich zum Examen vorbereitet und meldete mich bei Professor Bolte in Hamburg. Er fragte: »Wo sind Sie auf der Schule gewesen?« Ich erzählte ihm, daß ich privat gearbeitet hätte. Das war ihm sichtlich unangenehm. »Wozu haben wir unsere Schulen?«, fragte er, »wir müssen Sie zum Examen annehmen, aber daß wir Ihnen auf den Zahn fühlen, kann uns nicht verwehrt sein.«

»Daß Sie mehr wissen als ich, Herr Professor, davon bin ich überzeugt,« erwiderte ich und ging nach Altona. Dort war meine Hoffnung der alte Direktor Jansen. Augenscheinlich war er aber schon durch Fernsprecher unterrichtet.