Das ging mir sehr nahe. Ich versicherte: »Ja Vater, ich werde versetzt! Ich verspreche dir, Kaisers Rock in Ehren zu tragen.«

Ich ahnte damals so wenig wie mein Vater, daß ich den zweiten Teil dieses Gelöbnisses einmal auch ohne den ersten Teil erfüllen konnte. Freilich nur nach ungewöhnlichen Krisen.

Vater versprach mir seinerseits, daß ich in den Ferien zu meinem Vetter reisen dürfte, wenn ich zu Ostern versetzt würde. Die Ferien begannen; ich aber fiel durch.

Meine Eltern waren verreist. Der Hauslehrer, ein Student, der Vollmacht erhalten hatte, mir die Reiseerlaubnis zu erteilen, kam mir schon entgegen: »Bist du versetzt?«

Ich biß auf die Zähne und erwiderte: »Jawohl, aber der Rektor ist verreist und hat die Zensur noch nicht unterschreiben können. Sie wird nach der Unterschrift per Post an Ihre Adresse gehen.«

Der Student war hocherfreut, daß sein Unterricht Erfolg gehabt hatte und beglückwünschte mich. Ich durfte reisen.

Ich traf nun in Ruhe meine Vorbereitungen.

Mein Bruder und ich besaßen jeder eine Kasse, da wurde, wenn Onkel oder Tante zu Besuch kamen, zuweilen je ein Goldfuchs hineingesteckt. Diese Kasse sollte schon immer mein Retter in der Not sein. Ich holte meine 80 Mark heraus, nahm aus meines Bruders Kasse auch 40 Mark ... sollten sie liegen bleiben? Etwas wollte ich ihm ja lassen ... Aber es handelte sich jetzt für mich um das Betriebskapital zur Gründung einer Existenz, und ich hoffte, ihm diese Zwangsanleihe dereinst mit Zins und Zinseszins zurückzahlen zu können. Mein Plan war einfach und beruhte auf angenehmen Vorstellungen, die das wenige, was ich vom Seemannsleben wußte, in mir erweckt hatte (das Landleben war mir in meinem bisherigen Schuldasein über große Strecken hin reichlich trocken vorgekommen). Insbesondere war mir einmal eine Speisekarte des Schnelldampfers »Fürst Bismarck« in die Hand gefallen. »Was, so feine Sachen gibt das auf See? Und Offizier auf einem solchen Schiff kann jeder werden?« Man hat Geschichten gelesen vom listenreichen Odysseus, der im Meer so viel herzkränkende Leiden erduldet, von Sindbad, dem Seefahrer. Aber diese größeren Vorgänger können dem ewigen Tertianer, der weder ein griechischer König noch ein arabischer Kaufmann ist, wenig praktische Winke für die Laufbahn hinterlassen. Seemännische Erfahrungen hatte ich bisher nur auf der Saale sammeln können, insbesondere in der Badeanstalt, wo mir Paddel- und Rammversuche mit einem selbstgezimmerten Kistenboot den Spitznamen »Seeräuber« eingetragen hatten.

Nun packte ich die Koffer, Jagdzeug vom Vater, Revolver und Dolch, und alles, was man in dieser Richtung brauchen konnte, dazu auch eine Tabakspfeife. Dann ging ich zum Bahnhof und fuhr nach Hamburg. Ich wollte gleich von unten anfangen und dachte: IV. Klasse ist das richtige. Ein Schlachtergeselle wurde mein Sitznachbar; der wollte auch zur See gehen. Weshalb, begriff ich nicht ganz. Bei mir wäre ohne Latein nie dieser Schwung in das Leben gekommen.

Als wir abends um ½ 11 Uhr am Klostertorbahnhof ankamen, sah ich ein großes Schild: »Concordia-Schlafsäle, Bett 50 Pfennig und 75 Pfennig.« Ich fand das für meinen Barbestand schon reichlich vornehm. Ein Dienstmann mit zweirädrigem Karren bietet sich mir hilfreich an. »Wohin soll das Gepäck?« »Nach Hotel ›Concordia‹.« »So! Na de Concordia! Denn komm man mit, min Jung, di hevt se woll na See to jagt?« Ich war nicht wenig erstaunt über die plötzlich vertrauliche Tonart und den feinen Riecher, den dieser olle Hamburger hatte. So kam ich zum erstenmal in meinem Leben über St. Pauli und war erstaunt über das riesenhafte Tingeltangel-Getriebe dieser internationalen Vergnügungszentrale der seefahrenden Nationen. Hier sah ich Chinesen, Schwarze. Wie ist das alles interessant! Vor allem belustigten mich die Schwarzen, die in bunten Röcken als Reklamefiguren vor den Lokalen standen.