Ich erzähle ihm meine Laufbahn, und da sind dem Mann die Tränen heruntergelaufen: »Jetzt gebe ich eine Pulle aus, das freut mich so, das kann ich gar nicht verstehen. Ich war doch immer nett zu Ihnen, nicht wahr?« Der Steuermann hätte aber gesagt, ich wäre altbacksch. »Ach was, der Steuermann, das ist ja aber gar nicht wahr, daß Sie altbacksch sind.«
Da kam der gute Kerl so in Schwung, daß er uns einlud nach Sankt Pauli. Ich müßte doch noch einmal an Bord kommen, das sollte ich ihm versprechen.
Dann sind wir mit vollem Winde nach Sankt Pauli gezogen. Da ging es hoch her! Er war so stolz: »Mi glöwt dat ja keen, wenn ik dat min Matrosen un Stürlüt vertell. So einen ulkigen Graf, den hab ich mir doch nicht vorgestellt.« Der Kaptein hat sich an diesem Abend tüchtig beschnobbert. Ich konnte leider nicht mehr an Bord kommen, und so habe ich ihm wenigstens ein Bild von mir zugeschickt zum Dank für die drei Tage an Bord, die mich so aufgefrischt hatten.
In Hamburg ist ein Heim, wo die armen Seefahreralten auf Staatskosten untergebracht werden. Unten am Eingang hängt ein Gemälde mit der Aufschrift: »Helft den Seefahrern um Gotteswillen!« Oft bin ich hineingegangen zu den Alten, von denen manche 50 Jahre auf See gefahren waren. Es sind knochige Gestalten mit verwetterten Gesichtern und Kranzbärten. Jeder hat einen kleinen Raum, eine Kajüte und Koje, die Wände mit Erinnerungszeichen geschmückt. In der Messe versammeln sie sich um einen großen Tisch. Wenn man hinkommt, um sie zu besuchen, tritt einer nach dem andern aus seiner Kajüte, die Pfeife im zahnlosen Munde, brennt sich die Pip an und hört zu, was man als junger Seemann erzählt. Meistens nahm ich ihnen ein wenig Plattentabak mit, wenn ich hinging, und dann hieß es: »Na Filax, wat giwwt dat Ni’es?« Die alten Leute klagten besonders, daß man ihnen die Hochbahn vor die Nase gebaut hätte. Sie hatten nun keinen freien Ausblick mehr und konnten nicht wie früher sehen, wenn ein Segelschiff raus ging. Mit der neuen Zeit sind die alten Leutchen gar nicht recht einverstanden, es gibt nichts mehr, was sie interessiert. Eigenartig ist es, wie sie ihre Strümpfe stopfen. Sie stecken eine Flasche in den Strumpf und stopfen dann. Der Seemann legt bekanntlich großen Wert auf das Stopfen und stopft genau nach den Maschen, so daß es nachher nicht zu sehen ist.
Ein anderer malt Schiffe auf Ölsegeltuch. Ein ganz blauer Himmel oder ein ganz schwarzer.
Die alten Seeleute haben nichts weiter als ihre Seekiste, die ihr einziger treuer Begleiter ist, mit dem sie die See befahren haben, die Außenwelt kümmert sich nicht mehr um sie. Ab und zu, alle halben Jahre einmal, bekommen sie einen Brief von einem Maaten, der vielleicht zehn Jahre jünger ist als sie. Ein solcher Brief wird erst allgemein vorgelesen und dann liest ihn jeder für sich allein. Und dann geht es los:
»Minsch, weetst du noch, as wi in Buenos Aires wären, wo wi uns do dropen däh’n?« Viele Erinnerungen tauchen auf, »un weetst du noch, da un da, wo du so besoopen wärst?«
Einmal habe ich ein Boot genommen und die alten Leutchen eingeladen zu einer Spazierfahrt im Hafen. Ach Gott, wie waren sie begeistert! Erst eine Hafenrundfahrt. Wie sie so alle langsam ins Boot klettern. Und dann geht es los. »Nu, man nicht so gau (jäh), dat Schip möt wi uns erst mal ansehn. Minsch, wo ward dat hengahn? Jung, kiek, de hätt noch ne ornlich stramme Takelag’.« So wird jedes Schiff bewundert oder kritisiert. Schließlich kommen wir an einen alten Segler, der auch seine Pflicht getan hat. »Dat oll Schip, mit de ik in Rio tosom’ leggen hev. Künn’ ik doch noch mal mit so ’n Schip rut!« Die neuen Schiffe waren ihnen zu modern, da konnten sie keinen rechten Gefallen daran finden.
Einen Veteranen meines Berufes aber habe ich nie wieder gesehen, meinen lieben Oll Pedder. Als ich nach meiner Flucht zum erstenmal wieder Hamburger Boden betrat, hatte es mich vor allen Dingen natürlich zum Haus am Brauerknechtsgraben hingezogen. »Peter Brümmer« stand noch an der Tür. Ich klopfe an und trete ein, aber nur seine alte gebrochene Schwester kommt mir in gebückter Haltung entgegen. Ich frage: »Wo is Pedder?«
»Pedder, de is dod.« Und dann: »Bist du dat, bist du sin Jong?, den he no See to bröcht hett? Wie manchmal hett he an di dacht, wie oftmal hett he seggt: Wo is wohl de Jong? Pedder is nich meh, he is nu all drei Johr dod.«