»Wo liggt he denn begraben?«
»In Ohlsdorp.«
So konnte ich meinen alten lieben Pedder nur auf dem Friedhof besuchen, und da das Grab doch zu karg gepflegt war und ich ihm so viel zu verdanken hatte, habe ich ihm in einem Altwarengeschäft einen eisernen Anker gekauft mit einer Messingtafel. Darauf steht eingegraben: »Ik hev di nich vergeten. Din Jong.«
Als ich nun zuletzt nach Hamburg kam, nach der Unterzeichnung des Friedens, der auch die deutsche Elbe ihrer Schiffe beraubt hat, fand ich meine alten Fahrensleute niedergedrückter als jemals. »Jetzt, wo wi keen Scheepen meh hevt, denkt keen Minsch meh an uns. Wenn wi man blot noch ’n Strämel to smöken han!« Man hat ihnen, als man dies hörte, einen Zentner Tabak hingeschickt, und meine Freunde blieben auch nicht müßig. Es wäre ein schlechtes Zeichen für die deutsche Jugend, wenn sie die Alten vergäße, die mitgeholfen haben, daß unsere Schiffahrt die größte der Welt nach der englischen wurde. Wie ein Märchen ist es uns heute, daß diese stolze Zeit, die eben noch da war, verschwunden sein soll! Aber für Deutschland zur See zu arbeiten, ist auch heute eine Ehre, und ich hoffe es noch zu erleben, daß der höchste Traum deutscher Jungens wieder der sein wird, unter unserer Flagge zur See zu gehen als Matrose oder Offizier auf Handels- oder Reichskriegsmarine. Darum möchte ich bitten: »Vergeßt auch die Alten nicht, und denkt in der Armut, die über uns alle hereingebrochen ist, an die Ärmsten, die sich keine neue Zukunft mehr zimmern können!« Ihnen Liebes zu erweisen, findet dankbare Herzen. Denn die Seeleute, die diesen rauhen Beruf haben, sind in ihrem Innern zumeist weiche Menschen. Die See hat in ihnen ein Stück Kindlichkeit gehütet.
Siebentes Kapitel.
In Kamerun.
Im Jahr 1913 war ich auf »Braunschweig« und auf »Kaiser«, dem Flaggschiff Seiner Majestät, das ganz neu als erstes in einer Klasse der Großkampfschiffe in Dienst gestellt war. Darauf habe ich an wundervollen Reisen nach Norwegen teilgenommen und auch die Einweihung des Frithjof-Denkmals mitgemacht, welches der Kaiser den Norwegern geschenkt hat.
Danach kam ich, wie bereits erzählt, auf den »Panther«, der zur westafrikanischen Station gehörte. Da habe ich unsere herrliche deutsche Kolonie kennen gelernt mit ihren unerschöpflichen Reichtümern für naturfrohe, junge Gemüter. Mit einigen gleichgestimmten Kameraden ging ich auf Elefanten- und Büffeljagd. Das war nicht so einfach, da unser Kommandant dagegen war und es nicht gerne sah, wenn seine Herren ihr Leben, wie er meinte, unnötig riskierten. Wir mußten also unter einem Vorwand an Land gehen und unsre Gewehre heimlich mitnehmen.
Mit einem 35 Meter langen Kanu fuhren wir hinauf, von 12 bis 15 Schwarzen gerudert. Mit sieben bis acht Meilen Fahrt jagten sie dahin, den Hauptfluß Kameruns, den Mungo, aufwärts. Der Wasserweg ist die einzige Straße, den Urwald zu durchqueren, der sich links und rechts des Flusses wie Mauern erhebt. Darin ist dunkle Nacht. Baumriesen, mehr als hundert Meter hoch, sperren mit ihren gewaltigen Kronen jedes Licht ab. Und alles strebt nach dem Licht, es herrscht nur der Kampf um das Licht. Die Liane schlingt sich an den Urwaldriesen hoch, verwächst mit ihnen so eng, daß dem Baum die Lebenskraft ausgesogen wird; und wenn sie endlich das Licht erreicht hat, stürzt sie mit dem morschen, säftelosen Stamm zusammen. Die freie Stelle der Baumkrone wird sofort wieder ausgefüllt. Die Liane macht einen neuen Versuch, an einem andern Baum wieder hochzukriechen, bis auch der zusammenbricht. Die Stämme liegen in dem feuchten Dunkel, vermodern in kurzer Zeit, geben der Urwalderde Kraft und neuen Schlinggewächsen Nahrung. Kein Mensch kann auch nur einen Meter in solchen Urwald eindringen. Farrenkräuter und Lianen, die sich nach beiden Seiten ausdehnen, hindern jeden Schritt. Auch das Leben schweigt im dumpfen Innern des Urwaldes, abgesehen von niederen Tieren, Schnecken, Würmern und Insekten, die sich allein dort halten können. Nur wo das Licht ist, kennt der Urwald höheres Leben. In den Kronen der gigantischen Bäume nisten die Vögel in unendlicher Zahl, und längs den Flußläufen turnen die Affen kreischend von Baum zu Baum.