Nach etwa einer Stunde ist die Sitzung beendet. Jeder ist gespannt auf die Rückkehr des Kommandanten. Die Boote kommen längsseit, der wachhabende Offizier springt ans Fallreep, der erste Offizier eilt ebenfalls heran in der Hoffnung, etwas über das Ergebnis der Sitzung zu erfahren. Ernst und schweigend kommt der Kommandant an Bord und geht in seine Kajüte. Nichts wird bekannt. Die Spannung legt sich allmählich, man denkt: »Es ist wieder nichts.«
Auf »Kronprinz«.
Die Schiffe liegen klar für halbe Fahrt, wie bei Kriegswache üblich. Die Backbordwache geht abends auf Kriegswachstation, die Steuerbordwache schläft auf Hängematten. Da plötzlich morgens um zwei Uhr Trommel und Horn: »Klar Schiff zum Gefecht!« Man fegt wie der Teufel aus der Koje: »Was ist los?« Halb angezogen stürmt man an Deck auf seine Gefechtsstation. Man mutmaßt den Feind dicht an unseren Küsten, fragt den ersten Matrosen oder Unteroffizier von der Backbordwache: »Was ist los?« Kopfschütteln, keiner hat eine Ahnung. Die Gefechtsstation wird klargemacht, die Munitionsaufzüge probiert, die hydraulischen Einrichtungen der Höhenrichtmaschinen untersucht, die elektrische Abfeuerung wird nachgesehen, die Bereitschaftsmunition, die schweren Granaten, werden in den Turm gefördert, und endlich geht die Meldung nach der Kommandozentrale: »Turm Dora klar zum Gefecht.« Immer dabei die Frage: »Was ist los? Sind feindliche Streitkräfte gemeldet?« Niemand weiß etwas; so unvorbereitet war noch nie der Befehl »Klar Schiff zum Gefecht« gekommen. Nachdem die Gefechtsstation klar gemeldet, geht man an Deck. Da bietet sich im Grau der Morgendämmerung ein überwältigendes Bild: die Zerstörer kommen flottillenweise aus der Reede von Wilhelmshaven hervor, die »Schwarzen Husaren«, mächtig qualmend. Drei bis vier Flottillen, jede zu zehn Booten, haben uns schon passiert. Die kleinen Kreuzer setzen sich langsam in Bewegung; weit draußen auf Schilligreede sieht man die Schlachtkreuzer Anker lichten und sich entwickeln in breiter Formation, umschwärmt von den schnellen Torpedobooten. Langsam und bedächtig kurbelt das Schlachtschiffgeschwader an und mahlt sich in Kiellinie wuchtig aus der Jade heraus: S. M. S. »König«, »Kurfürst«, »Markgraf« und »Kronprinz«, die neuesten und stärksten Schlachtschiffe. Sie bilden den Kern der Flotte. Rechts und links gruppieren sich die Zerstörer als U-Bootsicherung; die kleinen Kreuzer, gleichsam die äußere Schale, geben seitliche und achterliche Deckung, damit der Kern der Flotte nicht überraschend angegriffen werden kann. Auf der Höhe von Cuxhaven stößt das zweite Geschwader heraus und hängt sich dem Gros an. Mit großer Fahrt durchwühlt die Schlachtflotte die Nordsee gen Norden. Die Panzerkreuzer verschwinden fern am Horizont. Es sind die Einheiten, die zuerst an den Feind herankommen und die Aufgabe haben, sich vermöge ihrer Geschwindigkeit und schweren Artillerie an dem Feind festzubeißen und ihn auf das Gros zu ziehen. Sie gehen mit äußerster Kraft voran, um den Feind aufzustöbern, begleitet von den schnellsten kleinen Kreuzern. Niemand ahnt, wohin es geht. Diesig und grau ist die Nordseeluft, die verdickt wird durch die gewaltigen Rauchschwaden. Längs der deutschen, längs der jütländischen Küste geht es immer weiter gen Norden in 15 km langer Schlachtlinie. Niemals ist solch weiter Vorstoß unternommen worden. Es ist vier Uhr nachmittags; da meldet ein kleiner Kreuzer feindliche kleine Streitkräfte. Endlich etwas vom Feind! Vor allem aber wartet man gespannt auf die drahtlosen Telegramme von den Panzerkreuzern, deren Meldung die maßgebendste ist. Nur ein kleiner Bruchteil von den 1200 bis 1300 Menschen der Besatzung des Schiffes, höchstens 25–30, haben Gelegenheit, den Feind mit Augen zu schauen, die andern sind im Schiffsinnern auf ihren Gefechtsstationen und warten nur gespannt ihrer Aufgabe und der Nachrichten, die von oben kommen. Man muß sich vergegenwärtigen, was der einzelne Mann zu tun hat, z. B. der Mann in der Munitionskammer, die weit unter der Wasserlinie liegt; er hat nicht nur seine Munition zu fördern; wenn eine Granate einschlägt und Brand entsteht, hat er die Flut- und die Feuerlöscheinrichtungen in Tätigkeit zu setzen, die Schotten zu schließen und vor allem auch die Lüfter anzustellen gegen giftige Gase. Alle diese Gedanken bewegen den Mann in dem Augenblick, in dem die Meldung kommt: Kampf! Er überlegt sich: »Was hast du zu tun, wenn eine Störung kommt, wenn soundsoviele von deinen Kameraden tot oder verwundet liegen? Dann gilt es zunächst für die Sicherheit des Schiffes zu sorgen. Erst das Schiff! und dann die Krankenträger rufen, dem verwundeten Freund helfen, Wiederbelebungsversuche anstellen.« Nicht Kommandos können ihm sein Handeln vorschreiben, sondern eigener Entschlußkraft bedarf es. Jeder Mann ist eine Persönlichkeit, wenn seine Station in Frage kommt. Der Gedanke an ihre Aufgabe durchzieht die Gemüter derjenigen, die den Feind nicht sehen, sondern nur die Begeisterung durchleben können. Sie sehen nicht das Kampfbild, auf das jeder doch am meisten begierig ist, und jeder weiß sich doch abhängig von der Sicherheit des Schiffes. Sie haben auszuhalten auf ihrer Gefechtsstation, in jedem Augenblick gewärtig, durch einen Treffer erledigt zu werden.
(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
»... Die andern sind im Schiffsinnern.« (Heizraum eines Großkampfschiffes.)
Um ½ 5 Uhr kommt der Funkspruch: »Deutsche Panzerkreuzer im Kampf mit englischen!« Die Stimmung im Schiff wogt auf, und die Meldung geht von der Gefechtsstation hinunter bis zum Heizer und Trimmer im dunkelsten Bunker.