Auf »Kronprinz«.
»Kronprinz« war das zuletzt in Dienst gestellte Schiff der Königsklasse. Welch ungeheure Arbeit ist nötig, bis ein neues Schiff mit seiner ganz frischen Besatzung gefechtsklar geworden und als gleichwertige Einheit dem Geschwaderverbande eingereiht werden kann. Es wird gleichsam als rohes Material von der Werft übernommen. Die Werft hat das Schiff aufgebaut, aber das lebende Element ist noch nicht darin. Es gilt, den rohen Stoff nun erst einzuspielen. Acht Wochen dauern die vorbereitenden Indienststellungsarbeiten. Kein Offizier, kein Mann findet sich zunächst auf einem solchen Schiff zurecht, das etwa 800 wasserdichte Räume in sich birgt. Die Mannschaft muß mit ihm vertraut gemacht werden, daß sie sich heimisch fühlt; die Heizer und Maschinisten müssen die Maschinen kennenlernen und ausprobieren, die Mannschaften sind an den Geschützen und verschiedenen Gefechtsapparaten einzuexerzieren; die Flut- und Lenzvorrichtungen müssen aufs genaueste beherrscht werden. Später kommen die Artillerie- und Torpedoschießübungen, sowie das Fahrtexerzieren hinzu. Wenn Mannschaft und Offiziere mit allen diesen Funktionen vertraut sind, ist das Schiff gefechtsbereit und wird dem Geschwaderverbande angegliedert. Das Kriegsschiff ist die stärkste Krafteinheit, die es gibt. Es birgt an Gefechtskraft soviel in sich wie die ganze Festung Metz. Die zum Betrieb des Schiffes erforderliche elektrische Energie ist so groß wie die einer größeren Stadtzentrale, etwa von Kiel.
Während meiner ersten eineinhalb Jahre auf »Kronprinz« bis zum Mai 1916 war unsere Hauptätigkeit in der Flotte: Verbandsübung, Kriegswache auf der Jade, Artillerie- und Torpedoschießübungen, sowie die üblichen Vorstöße nach der englischen Küste und in die Nordsee. Wir hatten immer gehofft, daß der Feind einmal die deutsche Küste bombardieren würde als Revanche; wir hatten doch oft genug an seine Tore geklopft mit der Beschießung seiner Küste; sie war Herausforderung genug. Doch immer nur Kriegswache gehen unter den gewaltigen Gefechtsapparaten, den riesigen Kanonen! Wie oft fragt man sich auf einsamer Wache: »Wann schießen sie? Wann kann man die Geschützmündung von der Scheibe reißen? Können wir unsere Kolosse nicht gegen den Feind probieren? Nicht sehen, wer es besser kann?« Wir hatten doch geübt im Frieden, wir wußten, jeder einzelne Mann ist ein Kerl. Wenn auch unsere Flotte zahlenmäßig den Engländern unterlegen war und im Durchschnitt auch nicht so schwere Kaliber besaß, so wußten wir doch, daß wir viele andere Vorteile hatten: zunächst unsere Mittelartillerie und die Torpedowaffe, ferner die Unterwassereinteilung. Die höhere Geschwindigkeit seiner Schiffe hatte der Engländer auf Kosten ihrer Sicherheit ermöglicht durch die Ölfeuerung. Uns boten außer dem Panzer noch die fünf Meter breiten Schutzbunker gegen etwaige den Panzer durchschlagende Geschosse Schutz. Tirpitz’ Werk war gut. Und so hofften wir immer: »Wann kommt der Gewaltmensch, der den wunderbaren Geist in der Flotte ausnützt und uns an den Feind bringt?«
Wenn ich nun die Seeschlacht am Skagerrak schildere, so übernehme ich selbstverständlich manches aus den Berichten von Kameraden, die auf die verschiedenen Gefechtsabschnitte verteilt waren. Mir liegt vor allem daran, eine Darstellung der Seeschlacht zu bringen, die sich nicht als ein trockener Admiralsstabsbericht gibt, sondern in dem Laien die lebendige Vorstellung erweckt von der herrlichen, historischen Tat unserer Flotte, wie wir Mitkämpfenden sie empfunden haben. Ich selbst habe aus dem Sehschlitz des von mir befehligten Geschützturmes auf S. M. S. »Kronprinz« die Kampfvorgänge beobachtet.
Es war am 30. Mai. Das dritte Geschwader lag auf Kriegswache auf der Unterjade. Es war ein diesiger Nachmittag, als plötzlich auf dem Flottenflaggschiff das Signal hochgeht: »Sämtliche Kommandanten zur Besprechung auf das Flottenflaggschiff!«
»Das hat etwas zu bedeuten,« hört man aus dem Mund der Kameraden und den Unterhaltungen der Matrosen. Von allen Schiffen werden die kleinen Dampf- und Motorbarkassen ausgesetzt; sie umwimmeln das Flottenflaggschiff. »Was ist los?«, neugierig fragt einer den andern. Gerüchte tauchen bereits auf. Der eine hat gehört, das Geschwader solle nach Kiel zum Torpedoschießen; es ist so der Lieblingswunsch derjenigen, die zur Ostsee gehören. Dort taucht wieder ein Gerücht auf, wir sollten von jetzt ab nach der Unterelbe verlegt werden, kurz und gut, willkommene und unwillkommene Nachrichten fegen durch das Schiff. Jeder glaubt das, was er im Stillen erhofft.
Mit äußerster Kraft ran an den Feind!