Auch die grauen englischen Kolosse »Lion«, »Princeß Royal«, »Queen Mary«, »Tiger«, »New-Zealand« und »Indefatigable« werfen an Eisen heraus, was mit höchster Feuergeschwindigkeit möglich ist. Stahl prallt auf Stahl; ein dumpfes Rollen dröhnt unaufhörlich über das Meer. Da, was ist das? Bei dem grauen Koloß vom Feind, dem »Indefatigable«, dem letzten Schiff der feindlichen Schlachtkreuzerlinie? Zwei Salven von S. M. S. »Von der Tann« schlagen kurz hintereinander ein. Dann läuft eine Feuerschlange längs der Bordwand. Kurz darauf steigen zwei Feuerarme steil aus dem Schiffskörper, in eine schwarze Rauchmasse übergehend. Man begreift noch nicht, was es bedeutet, man hat ja noch keine Schlacht mitgemacht, noch kein Kriegsschiff untergehen sehen. Da erkennt man, wie dieser gepanzerte Körper stückweise auseinandergerissen wird, wie alles, was bisher von ihm über Wasser war, in der Luft wirbelt. 300 000 kg Pulver, die das Schiff in sich barg, haben die Explosion hervorgerufen. Alles, was an Menschen und Material an Bord ist, wird mit hochgeschleudert, Granaten, Maschinen, Kanonen. Die Geschütze, die noch geladen sind, ihre vollen Breitseiten auf uns abzufeuern, überschlagen sich in der Luft. Der gewaltige Ölinhalt des Schiffes bluwwert nach oben und breitet sich, in Brand gesetzt, über der Wasserfläche aus. In dieses brennende Meer schlagen die hochgeschleuderten, glühenden Eisenteile, die letzten Reste des Schiffes zischend hinein; die Nordsee brennt und kocht ... Über der Trümmerstätte steht unbeweglich noch lange Zeit ein ungeheurer Rauchkegel wie nach dem Ausbruch eines Vulkans.

Im Anblick dieses Schaurigen wird der Kampf mit rücksichtsloser Heftigkeit fortgesetzt. Die noch eben gewesene Lücke füllt der Hintermann aus und »Von der Tann« sucht neues Ziel. Salve auf Salve rollt, und eine zweite Katastrophe befällt die britische Linie. Mit einer gewaltigen Explosion, von einer deutschen Salve getroffen, fliegt die »Queen Mary« in die Luft. Als ihr Hintermann, der »Tiger«, im Kielwasser aufschließt, regnet es Eisenteile auf sein Deck; das war alles, was nach dem Feuer von »Seydlitz« und »Derfflinger« von der »Queen Mary« übrig war.

In diesem schweren Artillerieduell setzen von beiden Seiten die Torpedoboote ein. Der kleine Kreuzer »Regensburg« bricht vor dem deutschen Flaggschiff mit zwei Flottillen mit äußerster Kraft durch, ein unbeschreibliches Bild von Kraft und Schneid. Ein neuer Kampf der Torpedoboote entwickelt sich zwischen den Linien der großen Kreuzer und tobt mit gleicher Heftigkeit.

Gegen sieben Uhr abends stoßen unsere Panzerkreuzer auf unsere Schlachtflotte und setzen sich vor deren Spitze. Auch die deutschen Linienschiffe sichten jetzt feindliche Panzerkreuzer an Backbord. Die englische Absicht, unsere Schlachtkreuzer vom Gros abzuschneiden, ist nicht gelungen, Hipper und Scheer vereinigen sich. »Alles klar auf Gefechtsstation!« Wie durchzuckt das die Gemüter! Alles rennt, stürzt, jeder gibt’s von Mund zu Mund: »Habt ihr’s gehört? Minsch, Jung, dat givt hüt wat!« Alles wird noch einmal geprüft, jedem noch eine Warnung gegeben: »Ruhe behalten! Keine Störung an den Sachen! Die Fahrstühle der Geschosse nicht verfahren!« Beim Sichten der deutschen Flotte drehen die englischen Panzerkreuzer ab und Scheer gibt Befehl: »Alles zur Jagd nach Norden ansetzen.« Schnell erfolgt die Zielverteilung und in wenigen Sekunden krachen die ersten Salven der »König«- und »Kaiser«-Schiffe. Ein furchtbares Kanonengebrüll dröhnt über das Meer. Da plötzlich schieben sich vier graue Kolosse an Backbordseite der bisher von uns beschossenen Schlachtkreuzer hervor, um ihren Rückzug zu decken. Es sind die stärksten und schnellsten Linienschiffe der feindlichen Flotte, die »Queen Elisabeths«, die schnelle Division, dem Kreuzergeschwader Beatty zugeteilt. Jetzt gab’s Feuer. Prasselnd und mit furchtbaren Explosionen schlugen ihre gewaltigen 38-cm-Geschosse von fast 1000 kg Gewicht bei uns ein. »Kurfürst«, »Markgraf« und »König« bekommen Treffer; aber zu unserm Erstaunen büßen diese unsre anscheinend unbesiegbaren Schiffe dadurch nichts von ihrer Gefechtskraft ein. Vorne, hinten, rechts und links von uns standen die turmhohen Wassersäulen, es war, als wenn das Wasser gen Himmel gesogen würde und wir als Einzigstes zurückblieben. Sauste eine volle Salve dieser Stahlriesen über das Schiff, so entstand ein derartig ohrenbetäubendes Surren, als wenn Staffeln von Flugzeugen dicht über unsere Köpfe flögen. Zuweilen fuhr »Kronprinz« durch dicht vor dem Bug einschlagende Salven. Einem gigantischen Wasserfall gleich strömten die Wassermassen unter dröhnendem Getöse über das Schiff. Es bebte ununterbrochen durch die Explosionen der in das Wasser einschlagenden Granaten.

Der Feind, begünstigt durch seine überlegene Geschwindigkeit, hält sich in Entfernungen außerhalb unserer Reichweiten und strebt die vorliche Stellung an; wir drängen mit allen Mitteln heran. »Warspite« läuft aus dem Ruder und wird mit Treffern überschüttet; man beobachtet, wie eine weiße Stichflamme aus dem Achterschiff hervorschießt: das Schiff muß die Linie verlassen. Die unserige schwenkt langsam auf Ostkurs. Der Artilleriekampf rast jetzt wie ein Orkan. Es ist kein Zweifel, weitere englische Geschwader müssen eingegriffen haben, denn auch von Osten her erhalten wir jetzt Feuer. Infolge der Unsichtigkeit der Luft hatten wir von der Stellung des Feindes kein genaues Bild hier. Rauchschwaden von Explosionen, dort Qualm aus den unzähligen Schornsteinen aller Größen, gleich einer riesigen Fabrikstadt, da künstliche Nebelbänke von Zerstörern und kleinen Kreuzern, all dieses untermischt mit dem Wasserstaub von ununterbrochenen Geschoßeinschlägen verhüllte die Bewegungen der Geschwader mit dichten Schleiern. Nur für Augenblicke taucht aus dem Dunst das Wrack der »Invincible« auf. Unsere Spitze liegt unter schwerstem Geschützfeuer. »Lützow« hat starke Schlagseite, sein Bug ist tief eingetaucht. Zerstörer umgeben ihn, die Rauchfahnen entwickeln, um ihn jetzt den Augen des Feindes zu entziehen. Weitab ist »Wiesbaden« sichtbar, manövrierunfähig auf der Seite liegend, stark in Rauch gehüllt; nur das Hinterschiff ist zu erkennen, von wo ein Geschütz feuert, das einzige, das unbeschädigt war. Ununterbrochen wird sie vom Feind unter konzentrisches Feuer genommen. Man sieht, wie von den vielen einschlagenden Geschossen ganze Teile aus der »Wiesbaden« gerissen werden, aber trotz alledem, ihr Geschütz schweigt nicht.

»... Mit höchster Salvenfolge werden sie unter Feuer genommen.«

An Backbord tauchen plötzlich mehrere englische alte Panzerkreuzer auf. Mit höchster Salvenfolge werden sie unter Feuer genommen. In wenigen Minuten sind zwei der Gegner vernichtet. Es war kein Untergehen, sondern ein in Atome Zerreißen gepanzerter Körper. Dicke Rauchwolken sind das einzige Überbleibsel von Menschen und Schiff. Plötzlich, was ist das? Vor uns am Horizont taucht ein halbkreisförmiges Feuermeer auf wie ein Gasrohr, an dem der Reihe nach die kleinen Flämmchen entlang laufen. Jetzt erst wird uns klar, daß das Gros der englischen Flotte eingegriffen hat. Um aus dieser taktisch ungünstigen Stellung herauszukommen, gab es nur ein Mittel. Herumwerfen der Linie. Während 100 000 kg Stahl alle dreißig Sekunden auf unsere Spitze saust, das Meer wie ein kochender Kessel brodelt und die Schiffe in der aufgepeitschten See zu rollen beginnen, wird das unendlich schwierige Manöver wie auf dem Exerzierplatz ausgeführt. Um es zu decken, weht an allen Masten das Signal: »Torpedoboote ’ran an den Feind!« Die Flagge »Schwarz-weiß-rot« um die Brücke gewunden, sechs Meter lange Wimpel an den Rahen, preschen sie mit äußerster Kraft, 30 Meilen Geschwindigkeit, den Bug hoch, das Heck tief im Wasser, hervor und verschwinden hinter den Fontänen. Welche prächtigen Kerle, wir sehen sie nie wieder! Eine der ersten Flottillen war die berühmte IX. (»Steinbrinck«-) Flottille, deren Devise es war: »Es gibt nichts, was unklar geht.« Im vollen Anlauf der Flottille an den Feind wird Steinbrincks Boot von einer schweren Granate getroffen. Es verschwindet in den Wellen, und das Rottenboot, das hinter ihm folgt, nimmt von den Überlebenden auf, was es bekommen kann, darunter den Kommandanten. Zum Zeichen, daß er weiter bei der Flottille ist, schwingt Steinbrinck seine Mütze heraus, auch hier getreu seiner Devise: »Es gibt nichts, was unklar geht.« Die Flottille kommt zum Angriff. Sie feuert, und da ereilt ihn sein Schicksal. Zwei, drei, vier Granaten schlagen in Steinbrincks Boot und vernichten alles.