(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
»Torpedoboote ’ran an den Feind!« (Sie brechen zwischen den Linienschiffen durch.)
Während des Vorstoßes der Torpedoboote entsteht um uns Grabesstille: der Feind erkennt die größere Gefahr und hat das Feuer seiner Geschütze als Sperrfeuer gegen unsere Torpedoboote gelegt. Der Zweck ihres Einsatzes ist erfüllt, unsere Wendung konnte unbelästigt vom feindlichen Feuer ausgeführt werden.
Wir drehten also nach Süden in der Erwartung, daß sich der Feind am nächsten Morgen zum Gefecht stellen würde, und daß wir dabei günstigere Bedingungen erringen könnten, als es an diesem Abend noch möglich war. Aber auch Sir John Jellicoe zog es vor, den Kampf nicht mehr aufzunehmen, denn er fühlte das englische Weltreich auf seinen Schultern und wollte es durch keine zweite Begegnung mit der deutschen Flotte mehr aufs Spiel setzen. Bald nachdem er in den Kampf eingetreten war, hatte sein echt englisches Siegesbewußtsein harte Stöße erlitten durch das, was er zu sehen und zu hören bekam. Er selbst erzählt, wie er beim Entwickeln der Flotte zur Gefechtslinie plötzlich ein Schiffswrack erblickt und natürlicherweise auf ein zerstörtes deutsches Schiff geraten habe; erst bei näherer Betrachtung mit dem Kieker wurde ihm und seinem Stabe zur größten Enttäuschung klar, daß dort alles lag, was von seinem »Invincible« übriggeblieben war.
Im Glauben, daß das ganze Deck von Sprengsplittern übersät wäre, schickt man einen Matrosen heraus auf die Suche nach Sprengstücken, besorgt, daß vielleicht der schönste Briefbeschwerer verlorengehen könnte. Der Mann kommt zurück, den Arm mit Blumenkohl beladen und bemerkt: »Sprengsplitter hev ick nich funn, ick glöv, de Englänners hevt mit Blomenkohl schoten.« Man meint, der Mann macht einen Scherz und geht selbst hinaus: Tatsächlich, das ganze Deck ist überall voll Blumenkohl. Infolge des Luftdrucks der schweren Geschütze war das Gemüsespind geplatzt, und der ganze Kohl lag über das Deck zerstreut. Aber kein Sprengstück ist zu finden. Man kann nicht verstehen, daß unser Schiff, das so furchtbar eingedeckt war von Granaten, keinen einzigen Treffer bekommen hat, während Vorder- und Hintermann, die das Schiff in seiner Längsrichtung übersehen konnten, überschüttet von den heransausenden »eisernen Koffern«, geglaubt hatten: »Der arme ›Kronprinz‹, da bleibt kein Stück auf dem andern.«
Während der Gefechtspause gehen wir in die Messe, um uns durch ein Glas Portwein zu stärken. Man ist nicht in erhobener Stimmung, da wir nach der Heftigkeit des Kampfes unsere eigenen Verluste, die wir noch nicht übersehen konnten, größer schätzten, als es sich später herausstellte. In der Messe ist ein ziemliches Durcheinander; Scherben und Gläser liegen herum, alle Bilder sind von den Wänden gefallen durch den Luftdruck und die Erschütterungen. Doch sonderbar, ein Bild hängt, das Bild unserer Frau Kronprinzessin, und darauf steht: »Gott schütze S. M. S. Kronprinz«. Unser Schutzengel! Jeder empfindet das gleiche; ehrfurchtsvoll blicken wir hinauf mit einem stillen Dank.
Die Nacht kommt, man steht auf Kriegswache. Das erste Geschwader ist vor uns, das zweite in der Mitte, am Schluß das dritte, so daß Spitze und Queue geschützt waren von den stärksten Schiffen.
Vor uns wird die dunkle Nacht plötzlich grell erleuchtet. Wir sind geblendet, als wenn der Himmel voller Blitze wäre. Lang anhaltendes gewaltiges Donnern durchdröhnt die Nacht. Die »Pommern« flog in die Luft. Auffallend weiße Feuerarme stoßen aus ihr hervor. Der Hintermann, der wenige Sekunden später an die Stelle kam, hat nichts mehr gesehen. Niemand wurde gerettet, nur hier und dort sieht man Stücke ins Wasser schlagen. Der Rest des schönen deutschen Panzerschiffes! Nichts mehr als Atome von allem, was froh und freudig zurücksteuerte. Hier begriffen wir den Unterschied zwischen den älteren Schiffskonstruktionen und den ganz modernen. Die alte »Pommern« war durch einen einzigen Torpedotreffer erledigt worden, während die kleine aber moderne »Wiesbaden« stilliegend die ganze englische Flotte an sich vorbeipassieren und von jedem Feind sich befeuern lassen mußte und trotz allem noch bis morgens 3 Uhr geschwommen hat. An Bord ist ernste, auf alles gefaßte Stimmung. Die Wachen stehen hinter geladenen Geschützen. Offiziere und Ausguckleute halten scharfen Ausguck. Alles lauscht gespannt auf die einlaufenden Funkentelegramme. Vorn an der Spitze lebt das Gefecht mit äußerster Heftigkeit wieder auf. Feindliche Zerstörer, die an unserer ganzen Schiffslinie entlanggefahren waren und uns für das englische Gros hielten, werden von »Westfalen« erkannt und vom ersten Geschwader unter fürchterliches Feuer genommen. Im Nu gleichen sie brennenden Fackeln, aus den Ölbunkern schlagen Flammen heraus, die Hitze drückt das Öl durch die durchlöcherten Bordwände. Wasser und Boote brennen. Wirr laufen die Menschen durcheinander, einen Rettungsweg suchend, um den Flammen zu entkommen. Die schwersten Entladungen hört man in kurzen Intervallen, hervorgerufen durch die an Deck liegenden Torpedos, die sich entzünden. Das Ganze gleicht einer brennenden Allee. Ein Anblick wundervoll und schaurig zugleich. Die englische Massenüberlegenheit war hier durch eine deutsche Tugend überwunden, die erst bei Nacht in Tätigkeit tritt: der Engländer hat nämlich schlechtere Nachtaugen als der Deutsche. Ob das vom vielen Beefsteak kommt, wie man behauptet, weiß ich nicht. Aber die Tatsache hat der Krieg öfters bewiesen.
Der Morgen graut, die Spannung wächst, jeden Augenblick muß sich der Feind stellen. Ein feindlicher Panzerkreuzer wird gemeldet. Alles ist klar zum Kampf. Da voraus Scheinwerfer-Erkennungssignale. Als Antwort brüllt ihn »Thüringen« mit einer vollen Breitseite an. Diese Antwort war seine Vernichtung. Es war »Euryalus«, die uns für das englische Gros hielt.