Wir erreichen die deutschen Gewässer, ohne irgend etwas vom Feinde gesehen zu haben. Zwar stand Jellicoe bei Hellwerden in der Nähe von Helgoland, aber eine Linienschiffsdivision, seine Schlachtkreuzer, die leichten Kreuzer und Zerstörer waren ihm abhanden gekommen; die vielgerühmte Seemannschaft der Briten war der Aufgabe des Nachtmarsches unter ständigen Gefechten nicht Herr geworden. In diesem reduzierten Zustand seiner Streitkräfte wagte er keinen neuen Angriff.
Welch freudige Überraschung für uns, als die gegenseitigen Verluste bekannt wurden: auf englischer Seite drei Großkampfschiffe, auf deutscher nur eins; auf englischer Seite alle Großkampfschiffe im deutschen Feuer gesunken, dagegen »Lützow« in der Schlacht nur schwer beschädigt, aber noch schwimmfähig, erst auf der Rückfahrt mit zwei Torpedos von seiner eigenen Besatzung versenkt und diese gerettet. Auf englischer Seite außer den Großkampfschiffen drei Panzerkreuzer, zusammen sechs Schiffe, auf deutscher außer »Lützow« nur das alte Linienschiff »Pommern«, durch einen Torpedotreffer erledigt.
Die Verluste an kleineren Schiffen betrugen auf unserer Seite vier kleine Kreuzer und fünf Torpedoboote, auf englischer Seite acht Flottillenschiffe bzw. Zerstörer. Das einzige Schiff, das in der Schlacht durch Artilleriefeuer des Feindes verloren ging, ist »Wiesbaden«, und nur »Frauenlob« ist neben »Pommern« in der Nacht durch Torpedotreffer verloren gegangen.
Die Schlacht hat die Überlegenheit der deutschen Schiffe an Material und Feuerwirkung erwiesen, wie sich bei einem Vergleich der beiderseitigen Personalverluste ergibt: Auf unserer Seite hatten wir 2586 Tote, die Engländer aber 6446. 180 Mann haben wir als Gefangene zurückgebracht, während der Engländer nicht einen von uns gefangen hat.
Einige Tage später lief der zerschossene »Seydlitz« durch eigene Kraft in Wilhelmshaven ein. Ich besuchte den Kommandanten, Kapitän z. S. v. Egidy, auf seinem Schiff, das tief über lag, aber in wenigen Monaten wieder dienstfähig gemacht worden ist, und bat ihn, mir den Untergang der »Queen Mary« zu erzählen. Egidy berichtete:
(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
»Einige Tage später lief der zerschossene ›Seydlitz‹ durch eigene Kraft in Wilhelmshaven ein.«
»Nie werde ich den Augenblick vergessen: wir waren um 620 nachmittags in einem Übergang begriffen von der Staffel zur Kiellinie. Meine Augen waren auf das Schiffsmanöver gerichtet, mein Ohr gehörte dem, was im Artillerieturm, halb über, halb hinter mir vorging. Das Schiff ist ja, wenn man’s recht betrachtet, eine große Laffette für seine schweren Geschütze und das Manöver muß sich, wenn man treffen will, soweit das irgend angeht, dem Schießen anpassen. Also: ›Recht so. — Schumann‹ (so hieß mein Gefechtsrudergänger), weil eben eine Salve fallen und dazu die Drehung des Schiffes aufgehalten werden soll. Immer wird mir die näselnde Hupe der Aufschlag-Melde-Uhr im Ohr klingen, nach dieser Salve. Ich sehe nach vorn, aufs Flaggschiff und den Vordermann — die Ohren weiter gespannt nach hinten-oben. Ein Augenblick Stille, als ob alles im Schiff den Atem anhielte, dann von irgendeinem Artilleriebeobachter, der als Erster die Stimme wiedergefunden hatte, im halb singenden, eintönigen Melde-Stakkato: ›Die Nummer drei fliegt in die Luft‹ — und als einzige Reaktion auf das Ungeheure, das diese Meldung in sich barg, die ruhige, klare Stimme meines braven Artilleristen, Kapitän Richard Förster: ›Zielwechsel rechts!‹ — genau wie bei einer Schießübung. Wäre der dicke Panzer nicht zwischen uns gewesen, ich hätte den Mann umarmt für dieses ›Zielwechsel rechts‹. Vielleicht hat’s der zweite Artillerist, der Axel Löwe getan, ich hörte aber nur ein Zwiegespräch von vier Worten: ›Richard, sauber!‹ und ›Was! Axel!‹ — Dann waren sie beide wieder nur der stumme Geist, der seine Instrumente meisterte zur Vernichtung des Feindes.«