„Nicht wollen? ach, der Arme! er kann ja nicht! Er hat ja den ganzen Tag zu Bett gelegen.“ .... —

„So? den ganzen Tag? Sie sagten doch eben — heut’ Mittag, ganz plötzlich.“

„Gnädiges Fräulein, ich werd’ Ihnen die Wahrheit sagen,“ betheuerte Friedrich ernsthaft. „Er ist allerdings unwohl, und dann ist morgen ein wichtiger Tag für ihn, sein Geburtstag, an welchem er sich zu allerlei guten Entschlüssen von Studien und solidem Leben fest und stark machen will. Daher begreifen Sie gewiß, daß er den letzten Abend dieses Jahres nicht unter Tanzmusik hinzubringen wünschte.“

„O, das begreif’ ich!“ entgegnete Tosca sanft und nachdenklich. Hätte Friedrich ihr gesagt, daß Sigismund den Champagner mit einigen guten Freunden den tüchtigen Entschließungen weniger hinderlich finde, als den Ball beim Professor Zeller, so würde sich Tosca’s Theilnahme bedeutend abgekühlt haben. Aber das mußte er aus Rücksicht für den Professor verschweigen. Sie fragte weiter und mehr nach Sigismund. Sie erfuhr, daß sein Vater Präsident in Paderborn, daß er selbst der Aelteste von fünf Geschwistern sei. Jede Aeußerung Friedrichs interessirte sie tief: daß Sigismund so ausgelassen lustig sei, und dann wieder so ernst; scheinbar ganz hingerissen, ganz beherrscht, und dann plötzlich eisern fest. Zuletzt erschrak sie vor ihrer gar so großen Aufmerksamkeit, und wandte das Gespräch, allein ihre Gedanken blieben bei Sigismund.

Sie blieben es den ganzen Abend und die ganze Nacht. Dieser ungewöhnliche Ernst bei einem so jungen und muntern Manne gefiel ihr außerordentlich, und daß er krank war, that ihr so leid! — Er war freilich nicht krank, und der Champagner schmeckte ihm sehr gut; doch davon hatte sie keine Ahnung. Ihr Herzchen schlug für den Sigismund, den sie verstand. — Sie erwachte ganz früh am Neujahrsmorgen, und mit dem Gedanken an ihn. Daß er krank, und heut an seinem Geburtstag so allein sei, und daß vielleicht Niemand daran denke, ihm an diesem doppelten Festtag Glück zu wünschen oder ihm eine kleine Freude zu bereiten, fiel ihr schwer aufs Herz. Sie stand auf. Es war noch ganz finster, und nur das letzte Viertel des Mondes warf einen matten Schimmer über die schneebedeckte Straße. Sie öffnete die Vorhänge, und blickte auf die leichtgefrornen Fensterscheiben. Nach einem alten Glauben kann man am Neujahrsmorgen aus den phantastischen Zeichnungen, welche der Frost auf die Scheiben gehaucht hat, den Inhalt des kommenden Jahres sich prophezeihen. „Blumen und nichts als Blumen!“ sagte sie halblaut; „das ist eine gute Vorbedeutung.“ Von den Eisblumen glitt ihr Auge auf die wirklichen, die im Fenster blühten; auf Tazetten, Hyazinthen, auf die schöne zarte Theerose, auf die prächtige dunkelrothe Camellia. Blumen sind lieblich — und besonders am Geburtstag! dachte sie, und pflückte hastig die Theerose ab; nur schickt es sich wol nicht, daß ich ihm einen Strauß sende! Er wird aber nicht erfahren, von wem er kommt, und ganz heimlich darf ich mir doch wol die Freude machen, die Blumen in einen Glückwunsch zu verwandeln! ... Und was fing’ ich jetzt an mit der Rose, die nun mal abgepflückt ist, wenn ich sie nicht verschenkte? — Sie brach noch einige Blumen ab, sie mischte sie graziös mit Wintergrün und Erika, die Theerose in der Mitte — und der lieblichste Strauß war fertig. Mit klopfendem Herzen und zitternden Händen legte sie ihn auf den Tisch. Ob ich ihn nicht lieber der Mama gebe? aber die Mama ist ganz wohl, Gottlob! dachte sie; und einem Kranken machen Blumen so viel Freude! Das weiß ich noch, als ich vorigen Winter die Masern hatte, und die ersten Veilchen bekam. Sie rief ihre Kammerjungfer; sie nannte ihr Hausnummer und Straße, wohin die Blumen gebracht und schweigend abgegeben werden sollten. Das Mädchen rief auf der Straße den ersten besten kleinen Buben heran, und versprach ihm zehn Kreuzer, wenn er den Strauß pünktlich da und da abliefern wolle. Der Knabe versprach es freudig, gab den Strauß an Sigismund selbst ab, und empfing dankbar seine Belohnung. Tosca fühlte sich beängstigt, als sie die Gewißheit hatte, ihre Blumen wären nun in seinen Händen. Ihr einziger Trost war der, daß er nie erfahren könne, von wem sie kämen, und daß sie ihm doch vielleicht eine kleine Freude gemacht hätten.

Sigismund empfing den Strauß mit einigem Erstaunen. Zuerst untersuchte er, ob nicht etwa ein Billet ihm sage, von wem. Aber nichts! Dann, ob der Strauß nicht mit irgend einem bekannten Bande gebunden sei. Wieder nichts! Er war durch eine Epheuranke zusammengeschlungen. Er betrachtete die Blumen so aufmerksam, als ob sie ihm einen Namen nennen könnten — und siehe da! als er die Theerose erblickte, fuhr es ihm durch den Kopf: Tosca Beiron! — Als er ehedem unter ihrem Fenster dahin ging, hatte er zu oft diese Blume bemerkt, um jetzt nicht die Zusammenstellung zu machen. „Oho!“ rief er, „von ihr ist der Strauß! von ihr! Wie kommt sie dazu, so — zudringlich zu sein, sie, die Hochfahrende! die Uebermüthige! O Tosca Beiron, ich habe gesagt, Deinen Kuß wollt’ ich nicht; — aber auch Deine Blumen will ich nicht .... siehst Du — ich mag Dich nicht leiden, weil .... Du blaue Augen hast; luziferische Augen! und weil Du eine vornehme Närrin bist.“ — Er riß den Strauß auseinander, und ließ die schönen, von Tosca so zärtlich gepflegten Blumen auf dem Tisch liegen. Er sann darüber nach, wie er ihr beibringen solle, daß er ihr Geschenk verachte. Einige Freunde störten ihn in seinen Meditationen.

„Sieh’ da! Sigismund unter Blumen, wie ein Frühlingsgott!“ rief der Eine.

„Und welche Flora hat Dich denn mit ihren Gaben überschüttet?“ fragte der Andre.

„Ja, ja! die Weiber kommen uns immer mit Aufmerksamkeit zuvor;“ sprach der Dritte. „Kaum graut der Tag und wir sind bei Dir .... aber eine Frau hat Dir schon früher ihren Glückwunsch in einem bedeutungsvollen — gelt, sehr bedeutungsvollen Selam ausgesprochen.“

„Nun! heraus damit! wer ist diese Flora! nur keine Geheimnißkrämerei, Sigismund! Nun? Du wirst doch nicht den Verschwiegenen spielen wollen?“ riefen sie durcheinander.