„Aber warum sagst Du, Friedrich, daß sie die einzige Tochter des Generals sei?“ fragte ein Anderer. „Die Professorin Zeller ist auch seine Tochter.“
„Mein Junge,“ entgegnete Friedrich, „eine Professorin ist ein für alle Mal in meinen Augen keine Tochter mehr, sondern die Frau eines Professors, und als solche ein unerfreuliches Gebilde, das ich respectuös und zeremoniös zu behandeln habe, besonders wenn ich bei ihrem Manne, wie beim Professor Zeller, Collegia höre. Wie in aller Welt sollte mir einfallen, solch ein Wesen in die junge, frische, allerliebste Categorie der Töchter zu stellen! Nein! der General Beiron hat nur eine Tochter, die da verdiente von Sigismund Forster beschrieben und von mir nach dem Signalement auf der Stelle erkannt zu werden; und das ist Tosca. Auf ihr Wohl! gelt, Sigismund?“ Er hielt sein Glas hin.
„Sie lebe! und schön und glücklich!“ rief Sigismund Forster, stieß an, trank und warf sein Glas zu Boden.
Acht Tage darauf war Ball, und Tosca Beiron dessen Königin. So wie sie den Saal betrat, war sie umringt und hatte alle Tänze vergeben, ehe Sigismund Forster, der nicht zudringlich sein mochte, nur daran denken konnte, sich ihr zu nähern. Sie trug ein einfaches weißes Florkleid und einen Kranz von rothen Rosen auf ihrem schönen blonden Haar. Sie war selbst wie eine eben erblühende Rose, siebzehn Jahr alt, lieblich, heiter, unbefangen, vielleicht zu unbefangen, zu bewußt ihrer Schönheit und der Siege, welche durch sie zu erringen sind. Indessen, ihre Jugend und Grazie milderte das. Ein Beobachter hätte vielleicht gesagt: das junge Mädchen wird übermüthig werden; — aber er durfte noch nicht sagen: sie ist es. Sigismund dachte heimlich: sie sieht ein wenig schnippisch aus, und das ist nun ganz und gar anbetungswürdig. Er bat sie um einen Walzer. Sie sah in dem Schreibtäfelchen nach, welches sie am Gürtel trug, und bedauerte sehr keinen mehr übrig zu haben. Dann um einen Galopp. Auch die waren sämmtlich vergeben.
„Und welchen Tanz werden Sie die Gnade haben, mir allendlichst zu schenken, mein Fräulein?“ fragte er darauf.
Tosca untersuchte abermals ihr Täfelchen.
„O ich bitte!“ rief er, „nur keinen von den dort verzeichneten Tänzen! Die alle sind nicht für mich; sondern einen andern.“
Tosca sah ihn an. Bis daher hatte sie nur einen Tänzer in ihm gesehen; jetzt war sie durch den ungewöhnlich schönen jungen Mann überrascht, der so dringend und mit so wohlklingender Stimme um einen Tanz bat. Mit großen Augen sah sie ihn an; dann schlug sie die Augen nieder, weil er sie fixirte, und sagte endlich, munter auf ihr Täfelchen deutend:
„Wenn die hier verzeichneten Tänze getanzt sind, ist der Ball aus.“
„Warum denn?“ entgegnete Sigismund ganz verwundert. „Befehlen Sie nur, und es wird mehr getanzt.“