»Ja, ich erinnere mich.«

»Also – das dürfen Sie nun vor allem nicht verwechseln. Bei dem Psychometer handelte es sich um die Seelensubstanzen des einzelnen, die unter anderem an seinen Gebrauchsgegenständen haften bleibt. Zum Beispiel Adrian, den Sie ja auch kennen, besitzt einen Lehnstuhl von seiner Großmutter, den er als gespenstisch empfindet, weil die Substanz der Verstorbenen ihm wahrscheinlich noch anhaftet. Ist er abends alleine in seinem Zimmer, so wird er sich nie entschließen, in diesem Lehnstuhl zu sitzen, obgleich er ungemein bequem ist. – Aber lassen wir Adrians Großmutter – sie ist belanglos, und die ganze Sache mit den Einzelsubstanzen ist eigentlich unwahnmochingisch. Wahnmoching lehnt den Individualismus ab und lehrt, daß der einzelne wenig in Betracht kommt. Von großer Wichtigkeit sind dagegen die Ursubstanzen, aus denen die Einzelseele zusammengesetzt ist, so, wie ich Ihnen schon einmal sagte, die Rassensubstanzen: – die römische – germanische – semitische und so weiter. Diese befinden sich im Blut, – unterstreichen Sie Blut, es ist von größter Bedeutung. Wo nun eine von ihnen das Übergewicht bekommt, so daß sie allein das Erleben (Schauen, Dichten, Handeln und vor allem auch das Träumen) beherrscht – da haben wir die Vorbedingungen für das Zustandekommen der Blutleuchte. Hier ist nun eine mystische Komplikation zu merken: irgendeine heidnische Substanz hat periodisch größere Stärke, daher »heidnische Blutleuchte« in vielen Individuen gleichzeitig. So war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts große heidnische Blutleuchte. Delius fand seine Weltanschauung – Nietzsche schrieb den Zarathustra – in der damaligen Jugend gärte es – König Ludwig II. versuchte seine phantastischen Ideen auszuleben – – –«

»Oder heuer im Karneval,« warf Maria dazwischen, »Monsieur Dame läßt sich zu einem wahnmochinger Fest verurteilen und Chamotte empfindet sich als Sklave, weil man ihn schwarz angestrichen hat.«

»Maria, unterbrechen Sie mich nicht,« sagte der Philosoph, »hören Sie lieber gut zu. Es würde Ihnen gar nicht schaden, wenn Sie auch etwas von diesen Geschichten begreifen lernten.«

»Ach Gott, ich vergesse es ja doch gleich wieder,« antwortete sie resigniert und zündete sich eine neue Zigarette an.

»Also – eben Ihr Freund Hallwig lehrt, daß nicht wir handeln, dichten, träumen und so weiter, sondern die Ursubstanzen in uns. Über die Rangordnung der historischen Substanzen dürften er und Delius wohl etwas uneinig sein, da dieser die römische, jener die germanische für sich gepachtet hat. Immerhin gelten beide für kosmisch, die semitischen dagegen immer für molochitisch – Herr Dame, sehen Sie mich nicht so verzweifelt an und brechen Sie nicht immer ihren Bleistift ab – mit etwas gutem Willen werden Sie schon dahinterkommen. – Also kosmisch – kosmisch ist das Prinzip, welches das wahre unmittelbare Leben aufbaut und in jedem Wesen, das überhaupt an ihm Teil hat, das gleiche ist. Notabene: den Begriff kosmisch braucht man gewöhnlich nur im Gegensatz zum chaotischen. Erst indem man ihn statt auf das Gebilde auf die bildende Kraft anwandte, bekam er die wahnmochinger Nuance.

Kosmisch werden deshalb solche Erlebnisse genannt, die deutlich aus diesem Prinzip stammen – auch Träume werden dazu gerechnet und spielen eine große Rolle. Delius oder Hallwig pflegen darüber zu entscheiden, ob ein Traum oder Erlebnis kosmische Bedeutung hat – die Damen beim Jour irren sich häufig über diesen Punkt und begehen dann Mißgriffe, welche den Professor Hofmann nervös machen. Denn auch er erfreut sich in diesen Fragen einer gewissen Autorität.«

»Ich danke Ihnen, cher philosophe – die Nebel fangen an sich zu lichten – aber was heißt molochitisch?«

»Moloch, Herr Dame, wie Sie vielleicht wissen, war ein unangenehmer Götze, der sich von kleinen Kindern nährte, mithin also das Lebendige, Hoffnungsvolle verschlang. Molochitisch bedeutet daher in gutem wahnmochinger Jargon alles lebensfeindliche, Leben vernichtende – kurz und gut, das Gegenteil von kosmisch. Man wandte nun in unserem Stadtteil mit Vorliebe diesen Gegensatz auf die Rassensubstanzen an und gelangte zu dem Resultat: Die Arier repräsentieren das aufbauende, kosmische Prinzip, die Semiten dagegen das zersetzende, negativ-molochitische. Zu merken ist hierbei noch, daß eben die Substanzen sich im Laufe der Zeiten nicht rein erhalten haben und vielfach vermischt sind.