»Wissen Sie, wo Maria heute ist?« fragte er dann.
»Mit Herrn Konstantin auf einem Atelierfest.«
»O – gewiß wieder so eine bacchantische Wahnmochingerei,« sagte er bedauernd – »da kann ich im Frack nicht hingehen. Im Frack kann man nicht dionysisch taumeln, – sehen Sie, Herr Dame, deshalb paßt das auch nicht in unsere Zeit. – Was hab' ich davon, wenn ich abends dionysisch herumrase – mir wie ein Halbgott vorkomme und am nächsten Morgen doch wieder mit der Trambahn in mein Bureau fahren muß, ich bin nämlich Rechtspraktikant? – Ich weiß nicht, wie die Leute sich damit arrangieren. Es wird deshalb auch nie etwas Rechtes daraus. – Sie erlauben,« – er stellte vorsichtig seinen Zylinder auf den Tisch und rückte sich einen Stuhl an mein Bett.
Ich könne ihm doch nicht ganz beistimmen – sagte ich nun – im Gegenteil, was man hier unter dem Begriff Wahnmoching zusammenfasse, habe mich wohl zuerst befremdet, aber jetzt hätte ich doch das Gefühl, daß sich mir hier allmählich eine neue und wunderbare Welt erschließe. Und ich fühlte eine große Bewunderung für diese geistig hervorragenden Menschen.
»Pardon, wen finden Sie geistig hervorragend?«
»Ich kenne die Herren leider erst ziemlich flüchtig – aber ich habe schon viel von ihnen gehört – und zum Beispiel Maria – –«
»Ja, da haben wir's – Maria und so und soviel andere. Da laufen die dummen Mädel hin und lassen sich erzählen, daß das Hetärentum bei den Alten etwas Fabelhaftes gewesen sei. Und nun wollen sie auch Hetären sein. – Da war eine – unter uns gesagt – sie stand mir eine Zeitlang sehr nahe – aber eines schönen Tages erklärte sie mir, sie habe eingesehen, daß sie nicht einem Manne angehören könne, sondern sie müsse sich frei verschenken – an viele –. Es war nichts dabei zu machen, – sie hat sich dann auch verschenkt und verschenkt und ist elend dabei hereingefallen. Denn glauben Sie mir nur, was ein rechter Wahnmochinger ist, der sieht nicht ein, daß es für die meisten Mädel eben doch ein Unglück bedeutet. Er bewundert sie höchstens, daß sie nun ein Schicksal hat und es irgendwie trägt; aber was nützt ihr das?« – Er machte eine Pause und fuhr dann fort:
»Bei Maria liegt es etwas anders, sie hat von Natur keine Prinzipien. Und deshalb wird sie dort auch so verehrt. Sie sagt, es sei so schön gewesen – sonst habe sie immer nur Vorwürfe über ihren Lebenswandel hören müssen, und alle hätten versucht, sie auf andere Wege zu bringen – aber als sie dann unter diese Leute kam, machte man ihr, Gott weiß was für Elogen und fand alles herrlich. Sie hatte damals gerade das Kind bekommen, und die Welt zog sich etwas von ihr zurück.«
»Maria hat ein Kind?« fragte ich, wohl etwas ungeschickt, denn ich hatte ja keine Ahnung davon gehabt.
»Das wissen Sie nicht – o sie macht übrigens gar kein Geheimnis daraus« – er wurde etwas nachdenklich, »Gott, ich weiß ja kaum, wer Sie eigentlich sind, aber ich nehme an, daß Sie dem Hause hier nahestehen –« darauf gähnte er: – »Hören Sie, Herr Dame, wir sind wahrscheinlich beide ziemlich müde. – Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich dort auf dem Diwan schlafe.«