Ich machte noch die Bemerkung, es wundere mich, daß Susanna in den Heidenkreisen nicht ebensoviel Bewunderung errege wie ihre Freundin. Sie kennen sie ja doch alle – sie verkehrt mit ihnen – ihre ganze Art zu leben und das Kind.
»O, mein Kind gilt nicht für voll, und niemand schaut mich drum an,« sagte sie darauf beinah entschuldigend, »ich hatte es doch schon, als die Hetärenfrage aufkam – außerdem war ich einmal verheiratet, und das ist eben nicht dasselbe.«
9
10. Februar
Ich habe heute wieder durchgelesen, was ich zuletzt aufgeschrieben, und ich fühle Sehnsucht nach den Tagen im Eckhaus. Wie eine Reihe stets wechselnder Bilder gleiten sie noch einmal an mir vorüber – bunt, bewegt, geräuschvoll und dann wieder müde und verträumt in schläfrigem Halbdunkel, – wie jener Winternachmittag, wo alle schliefen und wir drei in dem großen Zimmer um den Ofen lagerten. Bis dann Chamotte mit dem kleinen Mädel heimkam, das ich mit ganz neuem Interesse betrachtete, – ich kann wohl sagen, daß ich es zum erstenmal »erlebte«. Ich habe im allgemeinen nicht viel Sinn für Kinder und weiß nicht viel an ihnen zu erleben, aber das Gefühl, daß es das Kind dieser Frau ist, die ich so tief und stumm verehre – und daß es ihr vielleicht später einmal gleichen wird. – Und wie wir dann noch später leise aus dem Hause schlichen, um wieder auf einen Ball zu gehen – wie wir erst in dem Licht und Lärm mitten unter tobenden und tanzenden Menschen wieder richtig wach wurden und uns ganz verwirrt und erstaunt ansahen, – das liegt schon alles etwas traumhaft hinter mir.
In meiner Wohnung kam ich mir zuerst beinah wie ein Fremder vor, Chamotte schlich trübselig herum und meinte, diesmal hätte ich mich selbst verurteilt, wir hätten doch ebensogut noch länger im Eckhaus bleiben können.
Aber ich brauchte zur Abwechslung einmal etwas Ruhe. Äußerlich vermag ich mich schon zeitweise einem solchen Wirbel anzupassen, aber mein inneres Leben kann ich nicht überstürzen, das will ein stilleres Tempo und konnte nicht mehr mit.
Allerhand Briefe vorgefunden, meinem Stiefvater hatte ich noch im Eckhaus ausführlich geschrieben. – Er antwortete herzlich und eingehend, wie das seine Art ist. Es freue ihn aufrichtig, daß ich soviel mitmache und in ein etwas intensiveres Fahrwasser zu geraten scheine, – man sei schließlich doch nur einmal jung.