Wir kamen die letzten drei Tage nur flüchtig und besuchsweise heim, – ins Eckhaus, denn in dieser Zeit war das Eckhaus unser aller Heimat. Wir wußten längst nicht mehr, wer eigentlich zu uns gehörte und wer ein Fremder war – ob man sich als Freund gegenüberstand oder als Todfeind – und wer sich liebte, haßte oder völlig gleichgültig war.

Und wenn es wirklich das Ziel dieses Stadtteils ist, daß alle Individualität aufhört, jedes Einzelleben sich an eine Allgemeinheit verliert – so konnte es wohl für erreicht gelten.

Als ich Sendt diese Wahrnehmung mitteilte, lächelte er ein wenig und sagte:

»Lassen Sie nur alle erst einmal ausschlafen, dann wollen wir weiter darüber reden.«

Das war in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch, als die letzten Lokale geschlossen wurden und es hieß, der Karneval sei nun zu Ende.

Die meisten gingen denn auch nach Hause – wir nicht, – wir standen im Schnee auf der Straße und wollten glücklich bleiben. Dann lud uns jemand, den wir nicht kannten, zum Frühstück ein, das Frühstück ging in ein Souper, das Souper in ein Gelage mit Tanz über, dann wurde alles undeutlich, immer undeutlicher. Man war nicht mehr im Kostüm, war wieder in seiner gewöhnlichen Kleidung und fand sich eines Nachmittags um den Teetisch im Eckhaus versammelt. Die verschiedenen fremden Gesichter waren verschwunden, und der engere vertraute Kreis war wieder unter sich. Nur Susanna fehlt noch – aber man spricht nicht darüber. Orlonski prüft seine Bergstiefel, jongliert mit den Tellern und tanzt einen scharrenden Niggertanz, – lauter Anzeichen, daß er mit irgend etwas nicht einverstanden ist.

28. Februar

Ein paar leere verschlafene Tage – es ist, als wäre ganz Wahnmoching aus dem bacchantischen Taumel in einen tiefen, totähnlichen Schlaf versunken und das Leben selbst in Stillstand geraten.

So bin ich viel zu Hause geblieben, nur hier und da ein wenig spazieren gegangen – dann wieder habe ich in meinen Papieren geblättert und versucht, an meinen Roman zu denken, – wann werde ich endlich die innere Sammlung finden, um ernstlich ans Werk zu gehen? – Einmal suchte ich auch den Philosophen auf, aber er war nicht da – dann ging ich am Eckhaus vorbei, – sämtliche Läden geschlossen und die Glocke abgestellt, – wo sind sie alle?