Mit Maria bei Hofmanns. Es war kein Jour, und wir trafen nur zwei Gäste dort. Aber diese zwei sind in unserem Stadtteil eine seltene und auffallende Erscheinung, – eine junge Polin mit flammend rotem Haar und bleichem fanatischem Gesicht, sie nennt sich Jadwiga, und ihr Begleiter ist ein Rabbi von der deutschen Ostgrenze. Wir haben sie im Karneval kennen gelernt, ich glaube, es war die Kappadozische, die sie entdeckt und in Wahnmoching lanciert hat. Wieso und warum die beiden in das Faschingstreiben gerieten, ist bisher unklar geblieben, denn eigentlich sind sie nur unterwegs, um für den Zionismus Propaganda zu machen. Darüber wurde auch an diesem Nachmittag viel gesprochen, und es war nicht uninteressant, wie Jadwiga von dem Elend der israelitischen Bevölkerung in ihrer Heimat erzählte.

Sie saß auf einem Schemel zu Füßen der Hausfrau und sprach immer weiter von ihrer Kindheit; was sie erzählte, waren zum Teil seltsame phantastische Erlebnisse und unleugbar ging ein gewisser Charme von ihr aus, der die Zuhörer mehr oder minder gefangen nahm (der Rabbi lehnte derweil finster und schweigend an der Wand). So schilderte sie einen alten moosbewachsenen Ziehbrunnen, und wie sie als Kind immer in diese runde, grüne Tiefe hineingesehen und dabei förmliche Visionen gehabt habe. Und noch vieles andere – aber bei der Geschichte vom Ziehbrunnen sprang der Professor auf, durchmaß das Zimmer mit großen Schritten und fragte ganz erregt:

»Wissen Sie, daß Brunnen kosmische, dionysische Erlebnisse sind?«

»Ich wußte es nicht,« antwortete sie, und ihr blasses Gesicht strahlte vor Freude. Aber nun kam Delius aus dem Nebenzimmer, er hatte dort schweigend gesessen und in einem Buch geblättert, – wir wußten gar nicht, daß er da war.

»Gewiß,« sagte er, »gewiß, Herr Professor, aber es kommt vor allem darauf an, wer sie erlebt.« Gleich darauf verabschiedete er sich, warf noch einen kalten Blick auf den Rabbi und ging.

Es war keine Szene, nicht einmal ein Wortwechsel; es war gar nichts, und doch hatte man das Gefühl, es sei etwas vorgefallen, und gab sich alle Mühe, das peinliche Gefühl wieder zu verwischen.

»Ach Barmherzigkeit,« sagte Willy, als wir ihm davon erzählten, »ist der Rabbi immer noch da? Bei mir ist er auch schon einmal gewesen, um mich für Zion zu gewinnen, aber es lockt mich nicht, – das Eckhaus ist viel sympathischer. Und die Jadwiga ist mir ein Schrecken, – sie sieht zum Beispiel immer einen schwarzen Hund, wenn jemand irgendwie abtrünnig wird, – solche Leute sind ungemütlich.«

16. März

Ein aufregendes Ereignis – –

Ich sitze mit Susanna allein in der Küche, vor uns eine Flasche Cherry Brandy, den sie besonders liebt. Es ist sehr spät, die andern schlafen schon. Wir nehmen hier und da ein Gläschen, wir sind etwas sentimental und sprechen von unserem Leben, ich von der Frau, die ich so gerne finden möchte, sie von dem Panther, den sie gefunden hat, und der ihr viel Herzeleid bereitet. – Die anderen sind immer noch unzufrieden und eifersüchtig, und er selbst, der Panther, hat eben seine Wikingersubstanz völlig in Hallwigs Dienste gestellt. So hängt nun auch ihr Liebesglück von diesem Beherrscher aller geheimnisvollen Dinge ab. Sie kommt auch hier und da mit den Enormen zusammen, aber ihre Substanz ist noch nicht festgestellt. »Und wenn ich nun als minderwertig befunden werde,« sagte sie, »dann ist es vorbei, dann darf er mich nicht mehr«, und wehmütig erinnern wir uns an den Abend, wo neben seinem bunten Fell sich unsere Hände fanden.