Die Antwort Leo Tolstois lautete:
»Ich fürchte, daß ich dir nicht sehr ausführlich schreiben kann, liebe Freundin, fürchte aber noch mehr, deinen guten, von Liebe durchdrungenen Brief unbeantwortet zu lassen. Deine Vorwürfe sind wirklich unbegründet, liebe Freundin. Du sagst: wirke nicht auf andere, denn deine Überzeugungen können irrtümlich und falsch sein. Dieses Argument ist nicht richtig, und was die Hauptsache, es kann mit weit mehr Recht gegen die Kirchenlehre angewendet werden. Wenn Leute die Kirchenlehre für falsch halten, wie weh müssen sie dann durch diese schreckliche falsche Propaganda berührt werden, die einfache unschuldige Leute und kleine Kinder einfängt. Bei Meinungsverschiedenheiten darf man nicht von den Folgen sprechen, die durch falsche Meinungen hervorgerufen werden; man muß von den Meinungen selbst sprechen. Lüge bleibt immer Lüge und verderblich.
Zu meinen Gunsten will ich nur sagen, und bitte dich sehr, in dem Geist der Liebe, in dem du mir schriebst, diese Worte aufzunehmen und abzuwägen: ich behaupte nichts, was du nicht anerkennst, und deswegen genieße ich die Freude, daß du in allem, wodurch ich lebe, völlig mit mir übereinstimmst. Du dagegen behauptest vieles, was ich nicht anerkennen kann, und deswegen macht es dir Kummer, daß nicht nur ich, sondern Millionen Menschen deine Behauptungen nicht anerkennen. Was ist die Ursache dieser Meinungsverschiedenheit? Du stimmst mit den Mohammedanern nicht überein, weil sie Vielweiberei und anderes predigen; sie stimmen aber mit dir darin überein, daß die Lehre Christi wahr ist. Wer ist also schuld an der Meinungsverschiedenheit?
Aber darauf kommt es nicht an. Die Hauptsache ist folgendes. ›Ich will Gutes tun und tue Schlechtes.‹ Wenn ich wirklich in meinem Leben stets nur Schlechtes tue und nicht um ein Härchen besser werde, das heißt nicht anfange, ein wenig minder Schlechtes zu tun, so lüge ich sicher, indem ich sage, ich wollte Gutes tun. Wenn jemand nicht um der Menschen, sondern um Gottes willen Gutes tun will, so rückt er auf dem Wege des Guten stets vorwärts. Mag diese Bewegung, die Annäherung an Gott, noch so gering sein – sie stärkt jedenfalls, gibt Hoffnung und Freude und das Bewußtsein, daß man wenigstens zu einem kleinen Teile Gottes Willen erfüllt.
Auf der Badewanne eines Kaisers von China stand geschrieben: ›Erneuere dich jeden Tag, jede Stunde, immer und immer wieder.‹ – ›Bittet, so wird euch gegeben, klopfet an, so wird euch aufgetan‹ bedeutet dasselbe. Das ganze Leben ist nur eine Bewegung auf dem Wege der Annäherung an Gott – darin stimmen wir überein –, und diese Bewegung ist erstens dadurch eine frohe, daß man dem Licht immer näher kommt; zweitens dadurch, daß man bei jedem neuen Schritt sieht, wieviel des frohen Weges noch vor einem liegt. Du dagegen sagst: meine Sünden, meine Unvollkommenheit sind – Schwäche. Ich habe es doch aber in diesem Falle nicht mit dem Kreisgericht zu tun, sondern mit dem Gericht Gottes. Gott aber ist die Liebe. Ich kann Gott nicht anders auffassen als allweise, allwissend und besonders nicht etwa als Böses nachtragend (das nicht zu sein, bemühe ich mich sogar), sondern als unendlich barmherzig. Wie kann ich also, solchem Richter gegenüber, meiner Sünden und Schwächen wegen Angst haben? Das ganze Evangelium ist voll von direkten wie indirekten Andeutungen der Vergebung, des Nichtvorhandenseins der Sünden, wenn man Gott liebt. Du sagst: Gott hätte im voraus – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll – die Verfügung oder Einrichtung getroffen, daß mir meine Sünden vergeben würden ... (Ich kann diese Gotteslästerung nicht ruhig anführen; vergib mir um Christi willen!)
Ist es für Gott, dem ich völlig angehöre, aus dem ich hervorgegangen bin, der mich kennt und liebt, der die Liebe und Barmherzigkeit ist – ist es für diesen Gott nicht einfacher, mir meine Sünden direkt zu vergeben? Und ist es nicht eine Gotteslästerung, zu sagen, daß Gott meine Sünden nicht vergeben kann oder will, während ich glaube, daß er das will und tut, und es für mich unmöglich ist, zu glauben, daß er die Menschen bestraft, wenn sie nicht glauben, daß er ihnen im voraus vergeben hat ... (ich kann diese gotteslästerlichen Worte nicht ohne Schreck wiederholen), und auch mich bestrafen wird, wenn ich nicht glaube, daß er ein unvernünftiger und böser Gott ist.
Wenn man dem habgierigsten Menschen sagt: Willst du die Erbschaft haben, so gib zu, daß deine Mutter (von der der Betreffende weiß, daß sie eine reine heilige Frau ist) mit einem Reichen eine Liebschaft hatte – so würde er niemals diese Unwahrheit und Kränkung des Liebsten, was er hat, zugeben und anerkennen. –
Ich habe viel Überflüssiges geschrieben; ich wollte nur sagen: Wir alle streben, wenn wir ein menschliches Leben führen, zu Gott, indem wir uns ihm durch den Vermittler zwischen Gott und den Menschen: Jesus Christus nähern. Vom allertierischsten, verdorbensten Zustande an bis zur größten Heiligkeit fühlen wir gleichmäßig, daß unser Leben voll Sünde ist. Wer dieses wahre Leben begonnen hat, weiß stets, daß er sich – mag es noch so langsam geschehen – dem Licht nähert, diese Richtung wahrnimmt und an die Bewegung in dieser Richtung sein Leben setzt. Die Sünden und Schwächen der Menschen sind groß und die Vollkommenheit stets unendlich fern; man trachtet aber stets danach, sie zu erreichen. Dabei stärkt uns der Glaube an die Gnade Gottes und seine Barmherzigkeit und Liebe zu uns und zeigt, daß die anscheinende Unmöglichkeit, durch eigene Kraft Befreiung von den Sünden, Vollkommenheit und Gnade zu erlangen, mit Gottes Hilfe möglich wird. Du sagst, diese Hilfe ist vor 1900 Jahren erfolgt; ich aber denke, daß Gott so, wie er stets war, auch jetzt ist; daß er stets den Menschen Hilfe erweist, stets barmherzig ist und ihre Rettung, das heißt ihr Heil, wünscht und denen, die ihn suchen, nie fern ist.
Ich verstehe, wie teuer dir die Vorstellungsform von Gott und seiner Liebe ist, an die du dich einmal gewöhnt hast; ich begreife aber nicht, warum andere genau dieselbe Auffassungsweise haben sollen wie du? Man könnte das noch begreifen, wenn es sich um etwas Neues, neu Entdecktes handelte – es ist aber die ur-uralte, allen, nicht nur mir sehr bekannte und, wie du findest, sehr tröstliche Vorstellung. Also warum haben die Leute, die Gott suchen und die Lehre Christi kennen, sie sich nicht zu eigen gemacht? Ich verstehe, daß diese Lehre den befriedigen kann, der niemals an Gott und an Christus gedacht hat, und ich freue mich sehr über die, die sie sich zu eigen machen. Warum soll man aber glauben, daß Leute, die Gott suchen, ohne Grund auf diese so trostreiche Lehre verzichten? Augenscheinlich haben sie Gründe, die dir nicht zugänglich sind. Was ist dabei zu machen? Laß sie in Ruh, vergib ihnen und lieb sie so, wie sie sind. Willst du aber mit ihnen übereinstimmen, so dring ernsthaft in ihre Gründe ein und erforsch die ganze Angelegenheit von Anfang an; gib die Möglichkeit zu, daß auch dein Glaube falsch sein kann. Das aber tust du nicht; ich weiß, du willst und kannst es nicht. Dir ist auch so gut. Geh deinen Weg. Alle, die dem einen Ziel zustreben, treffen bei ihm zusammen.
Ich liebe dich von ganzer Seele und küsse dich.