Das Gebot der Liebe existiert für alle, nicht wahr? Mehr als andere beugst du dich vor ihm mit Eifer und Inbrunst; warum also den verkleinern, der die Liebe gegeben hat?

Du sagst, deine Worte seien keine Predigt; du schriebst nur, um dir selbst verschiedene Fragen zu erklären. Du weißt aber sehr wohl, daß dir eine Menge Menschen folgt, und je despotischer du in deinen Überzeugungen bist, um so größer ist die Gefahr für jene.

Sehr wohl möglich, daß deine Stimme Verirrte oder Ungläubige auf den rechten Weg führt; wird sie aber auch Leidende trösten?

Was gibst du denen, die vor Schmerz schreien und die aller Beweise der Liebe und Macht Christi bedürfen, um sich im Glauben an seine Lehre zu stärken? Diese Leute werden sich kaum mit deinem gekürzten Evangelium begnügen.

Für Philosophen und starke Geister ist es natürlich schwer, alle übernatürlichen Erscheinungen auf Treu und Glauben hinzunehmen. Dieser Glaube wird nur der kindlichen Einfalt und der Demut verliehen. Der Herr hat klar seine Gedanken ausgedrückt, als er die Kindlein zu sich berief; den Leuten, die so sind wie sie, gehört das Himmelreich.

Begreife, daß ich nicht urteilen und besonders dich nicht tadeln will. Es handelt sich bei uns nicht um Bekehrung oder Übereinstimmung – seine Meinung wird wahrscheinlich keiner von uns beiden ändern.

Was ich hier schreibe, ist nichts anderes als die Fortsetzung einer herzlichen Unterhaltung zwischen dem Freunde Leo und seinem alten ›Mütterchen‹. Dieses ›Mütterchen‹ hat, trotz aller Meinungsverschiedenheiten, niemals aufgehört, ihn zu lieben, weil Leo, der Mensch, stets mehr Recht auf ihre Anhänglichkeit hat als der berühmte Schriftsteller und Abgott zweier Welten. Sie ist aber nicht minder hartnäckig als du und genießt einstweilen noch das Vorrecht, ihre Meinung frei aussprechen zu dürfen, und hört nicht auf, dir das Wort des Evangeliums in das Gedächtnis zu rufen: ›Das eine tut, und das andere lasset nicht.‹

Leb wohl, lieber Freund; wir wollen uns die Hand reichen und Gott unablässig bitten, daß er keinen Winkel unseres Herzens im Dunkeln läßt, auf daß wir wahrhaft nach seinem Willen leben.

Alexandrine Tolstoi.«