Als ich einst zum Grafen Dmitri Andrejewitsch Tolstoi, dem damaligen Minister des Innern kam, traf ich ihn in großer Aufregung.
»Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll,« sagte er. »Sehen Sie diese Anzeigen gegen Leo Tolstoi. Die ersten habe ich einfach ad acta gelegt; ich kann doch aber dem Kaiser die ganze Geschichte nicht einfach verheimlichen.«
»Natürlich nicht,« erwiderte ich. »Der Kaiser liebt aber Tolstoi sehr! vielleicht mildert das sein Urteil.«
Es zeigte sich dann, daß der Kaiser unsere Erwartungen weit übertraf. Seine Weisheit entschied die Frage auf ganz andere Art. Auf den Vortrag des Ministers über das Vorgefallene und die starke Erregung des Publikums erwiderte der Kaiser folgendes:
»Ich bitte Leo Tolstoi nicht anzurühren; ich habe nicht die Absicht, einen Märtyrer aus ihm zu machen und mir die Mißbilligung ganz Rußlands zuzuziehen. Ist er schuldig, um so schlimmer für ihn.«
Der Minister kehrte sehr glücklich aus Gatschina zurück; im Falle strenger Maßregeln wären natürlich auch auf ihn Vorwürfe entfallen.
Mit Tolstois sprach ich, als wir uns dann wiedersahen, niemals über diese Episode, in der ich zu viel Widersprüche und zu wenig Klarheit fand.
Ich weiß nicht mehr, ob vor oder nach diesem Vorfall Tolstois Gattin nach Petersburg kam, um eine Audienz beim Kaiser zu erlangen und ihn um Schutz gegen die Moskauer Zensur zu bitten, die jede Gelegenheit wahrnahm, Tolstoi zu schikanieren und zu benachteiligen. Der Kaiser empfing die Gräfin sehr liebenswürdig, stellte sie der Kaiserin vor, unterhielt sich lange mit ihr und gab seine Zustimmung zu all ihren Wünschen. Leider verschwand diese Wohlgeneigtheit nach einiger Zeit, teils aus Unbedachtsamkeit der Tolstois, teils infolge Verleumdungen. Unter anderem hatte der Kaiser den Druck der »Kreuzersonate« nur in den gesammelten Werken Tolstois, nicht aber als Einzelausgabe gestattet. Da wurde plötzlich, man weiß nicht durch wessen Schuld (natürlich nicht die der Gräfin Tolstoi), die Sonate als Broschüre feilgeboten. Sofort hinterbrachten das die nimmer rastenden »Freunde« dem Kaiser, und als ich zur Verteidigung der Tolstois (ohne ihr Wissen) beim Kaiser erschien, war es schon zu spät. Der erzürnte Kaiser ließ mich nicht zu Ende sprechen, sondern brach in heftige Verwünschungen gegen Tolstoi aus.
Übrigens übte der Kaiser nie Vergeltung; ich war aber tief bekümmert, daß der wechselseitige gute Eindruck für immer verdorben war.
Der hervorstechendste Charakterzug Alexanders III. war unerbittlicher Haß gegen Lüge und Betrug. Er selbst war ohne Falsch.