Im Jahre 1891 kam ich wieder nach Jaßnaja Poljana und fand dort keine Veränderungen vor; nur waren die Kinder groß geworden, und an das Haus war eine Veranda angebaut, wo man sich nach dem Essen versammelte, wenn die Hitze nicht allzu groß war. Tolstoi schrieb damals ein Werk über den Frieden und das völlige Aufhören des Krieges. Wahrscheinlich wollte er sich vergewissern, welche Wirkung seine neuen Dogmen auf mich ausübten, und so sprach er denn über dieses Thema sehr beredt. Es wurden viele, sehr schöne und gesunde Gedanken von ihm ausgesprochen; alles zusammen bildete aber ein solches Bukett phantastischer, ultraromantischer Utopien, daß nur ganz exaltierte Verehrerinnen sich dadurch hinreißen lassen konnten. Ich hörte ihn schweigend an. Nur zweimal erwiderte ich auf seinen fragenden Blick:

»Sehr schön auf dem Papier; nur schade, daß sich das nicht verwirklichen läßt.«

Er hörte nicht auf mich, sondern fuhr in seiner Predigt fort.

Sophie Andrejewna teilte mir nachher mit, daß Leo auf ihre Frage, worüber er so lange mit mir gesprochen – geantwortet hätte: »Ich habe Alexandrine zu meinen Gedanken über den Krieg bekehrt.«

Wir lachten sehr über diese Prätension.

Einmal fragte mich eine der Töchter, was ich über den Vegetarianismus dächte?

»So gut wie gar nichts,« erwiderte ich, »weil das eine so gleichgültige Frage ist, daß ich niemals ernstlich darüber nachgedacht habe. Sie kann nur dann wichtig werden, wenn die Menschen sich einbilden, dadurch Gott zu dienen – und in diesem Falle nehme ich an, daß sie sich irren. Übrigens ist die Frage längst entschieden.«

Leo hörte das schweigend mit an. Abends am Teetisch aber, als ich die Hand ausstreckte, um einen Teller mit Schinken zu ergreifen, rief er ironisch: »Gratuliere zum Essen vom toten Schwein!«

War das Scherz oder Rache – jedenfalls wurde mir mein Butterbrot zuwider.