Der Vegetarianismus spielte im Tolstoischen Hause eine große Rolle und machte die Arbeit der armen Hausfrau noch komplizierter. Außerdem teilte er die Familie in zwei Lager. Es war bisweilen sehr komisch, wie Sophie Andrejewna bei Tisch feierlich erklärte, sie ließe ihre Kinder nicht vegetarisch leben. Ihre Kinder nannte sie die noch nicht zwölf Jahre alten.
Sie hatte stets Sorge um ihren Mann, dem die Ernährung durch Brot, Kartoffel, Grütze, Kohl, Pilze usw. bei seinem chronischen Leberleiden sehr schädlich war.
Es geht das Gerücht, daß die Gräfin zur Zeit seines Gallenleidens heimlich Bouillon unter all diese Gerichte mischte und daß Tolstoi es nicht bemerkte, oder nicht bemerken wollte – ähnlich gewissen Mönchen.
Wenn ich Tolstoi während des Essens beobachtete, fand ich stets, daß er wie ein ausgehungerter Mensch allzu schnell und gierig aß. –
Was viele Menschen, auch ich, für ein großes Glück halten, nämlich Gefühlsgemeinschaft mit anderen und Übereinstimmung in den Grundwahrheiten, hatte Tolstoi nicht nötig. Er hatte fast Scheu, mit anderen Sterblichen auf einer Stufe zu stehen, und gab sich vielleicht keine Rechenschaft darüber; in anderen Fällen aber griff er gierig nach jeder Äußerung einer oft nur scheinbaren Sympathie.
Bei einem unserer Zusammensein fragte er mich, ob ich die Predigten des amerikanischen Pastors X. (ich habe seinen Namen vergessen) schon gelesen hätte. Ich verneinte.
»Nun, dann lies bitte meinen Briefwechsel mit ihm; er ist in Sonderausgabe gedruckt, und merkwürdig, obwohl wir uns nie gesehen haben, stimmen wir in allen Urteilen über Leben, Religion und Menschenpflichten so überein, als hätten wir stets zusammengelebt. Ich halte ihn für meinen besten Freund. Er wäre jetzt achtzig Jahre alt; schade, voriges Jahr ist er gestorben.«
Ich nahm das Buch des Amerikaners abends mit, da ich die schlechte Angewohnheit habe, nachts zu lesen. Wie groß aber war mein Erstaunen und meine Verwunderung! Der Pastor schrieb genau das, was jeder rechtgläubige, von Tolstois Theorien nicht beeinflußte Mensch tausendmal gedacht und gesprochen hat.
»My dear brother« begann der erste Brief im sanften Tone eines Reverend: »Ich bin glücklich, mit Ihnen bekannt geworden zu sein, und möchte mit Ihnen völlig übereinstimmen, aber« – und dann folgte eine feine, aber unerbittliche Kritik aller Tolstoischen Axiome, die mich an die Stelle im Evangelium erinnerte: Moses hat euch das und das gesagt; ich aber sage euch ... usw.
Der dear brother erwiderte ganz im Geiste seines göttlichen Lehrers, wich aber nicht um einen Schritt zurück, wenn es sich um den Ausspruch handelte, dem Tolstoi solch verkehrte Auslegung gab, und der sozusagen den Kernpunkt aller Tolstoischen Theorien bildet: »Du sollst dem Bösen keine Gewalt entgegensetzen.«