Ich stand damals noch nicht mit ihm in Briefwechsel; wir wußten gar nicht, wo er sich befand, vermuteten ihn in Rußland.
»Ich komme direkt aus Paris,« erklärte er. »Die Stadt hat mich angewidert, daß ich fast den Verstand verloren hätte. Was habe ich nicht alles gesehen ... Zunächst waren in dem hôtel garni, in dem ich wohnte, sechsunddreißig Haushaltungen und davon neunzehn wilde Ehen! Dann wollte ich mich einmal auf die Probe stellen und ging zu einer Hinrichtung, bei der ein Verbrecher guillotiniert wurde. Danach konnte ich nicht mehr schlafen und wußte nicht, wohin. Zum Glück erfuhr ich, daß Sie in Genf wären, und reiste unverzüglich hierher, in der Hoffnung, daß Sie mich retten würden!«
Wirklich, nachdem Tolstoi sein Herz vollständig ausgeschüttet hatte, beruhigte er sich, und wir verbrachten eine schöne Zeit, wanderten im Gebirge umher und genossen so recht das Leben. Es war herrliches Wetter und die Natur unbeschreiblich schön. Wir priesen sie mit der Begeisterung von Bewohnern der Ebene, während Tolstoi sich bemühte, unsere Begeisterung durch die Versicherung zu dämpfen, im Vergleich mit dem Kaukasus sei das alles nichts. Uns genügte trotzdem, was wir sahen.
An unseren Ausflügen nahmen bisweilen russische Bekannte teil. Meine Schwester, die leibhaftige Fürsorge anderer, verlieh den Ausflügen dadurch einen besonderen Reiz, daß sie in einem riesigen Sack das mitschleppte, was jedem von uns Vergnügen bereiten konnte. Eines Tages erstiegen wir den Gipfel des Mont Salève, von dem man eine herrliche Fernsicht hat; wir machten in dem kleinen hübschen Hotel Station, fanden aber entschieden nichts, was unseren Hunger stillen konnte. Natürlich erschien der Rucksack auf der Bildfläche, und während meine Schwester ihn öffnete, hefteten alle ihre gierigen Blicke darauf. Was war alles darin! Tee, Konfekt, Früchte, Pasteten, Gebäck, sogar Wein und Selterswasser ...
Ich sehe noch Tolstois entzücktes Gesicht. Er freute sich wie ein kleiner Junge auf die Leckereien und lobte die Schwester bis in den Himmel: »Ja Lisa, Babuschka (Großmütterchen, Mütterchen), die versteht ihre Sache!« Dann aber wollte er sie foppen, wozu er überhaupt sehr geneigt war. »Splendide, wie Sie sind,« meinte er zu Lisa, »haben Sie wieder einen ganzen Wagen Vorräte mitgeschleppt, und doch haben Sie etwas vergessen. Ich wette, daß Sie z. B. keine Karten mitgebracht haben!«
Schweigend griff die Schwester in den Sack und holte zwei Spiele Karten hervor. Nun kannte Tolstois Freude keine Grenzen, obgleich Karten hier, wo die Augen nicht ausreichten, um den prächtigen Sonnenuntergang und die unendliche Bergkette wahrzunehmen, sehr überflüssig waren.
»Babuschka« nannte Tolstoi uns im Scherz; er meinte, zu Tanten wären wir, besonders ich, viel zu jung – eins seiner beliebten Paradoxa.
Beiläufig will ich hier unser Verwandtschaftsverhältnis erwähnen. Mein Großvater hatte von einer Frau dreiundzwanzig Kinder, von denen mein Vater das jüngste war, so daß einige Kinder der älteren Geschwister gleichen Alters mit ihm waren. Leo Tolstois Vater, Graf Nikolai Ilitsch, war der richtige Neffe meines Vaters, nämlich der Sohn seines älteren Bruders Ilja, der als Graf Rostow in »Krieg und Frieden« beschrieben ist. Leo Tolstoi war also unser Neffe und nur einige Jahre jünger als wir.
Ich kehre zu meiner Erzählung zurück.
Leo verbrachte die ganze Fastenzeit mit uns. Er war damals durchaus kein Gegner der Kirche; er sah uns alle fasten und beichten und wollte selbst beichten, was ihm übrigens nicht gelang. Die nichtigste Veranlassung konnte ihn plötzlich umstimmen, was mich sehr betrübte.