Nach Ostern begab er sich nach Vevey, wo wir ziemlich viel gemeinsame Bekannte hatten. Die Großfürstin entließ mich auf mein Bitten dorthin. Was war das für eine herrliche Fahrt und welche Reihe entzückender Tage!
Beim Besteigen des Dampfers bemerkte ich in Tolstois Händen einen sehr anständigen Koffer, worüber ich mich einigermaßen wunderte, da Tolstoi in seinem Äußeren sonst ziemlich schlampig war.
»Was heißt denn das?« fragte ich spöttisch. »Dieser Luxus sieht dir doch sonst gar nicht ähnlich.«
»Wieso?« meinte er ganz ernst. »Ich bin bald dreißig Jahre alt und muß jetzt mehr auf Ordnung halten. Dieser Koffer mit seinem ganzen Inhalt an Wäsche usw. reicht genau für eine Woche. Dann kommt ein anderer an die Reihe für einen Monat, und schließlich der dritte muß für das ganze Leben reichen.«
Scherz bleibt Scherz, aber in alledem lag ein Teilchen Wahrheit. Tolstoi trachtete stets danach, sein Leben neu zu gestalten, die Vergangenheit wie ein altes Gewand abzustreifen. Naiverweise hielten wir beide es damals für möglich, in einem Tage ein anderer Mensch zu werden! Wir waren geistig weit jünger als unsere Jahre. Wie viele Kämpfe hatten wir durchzumachen, wie viele Enttäuschungen zu erleben, bis wir uns von der Unmöglichkeit überzeugten, ohne Hilfe von oben auszukommen!
Jemand hat gesagt – ich glaube Sokrates oder Plato: »Eins weiß ich: daß ich nichts weiß.« Man möchte hinzufügen: »und nichts kann.«
Für Tolstoi war es weit schwieriger, sich zu dieser Erkenntnis durchzuringen. Er fühlte in sich die Kraft der Begabung, obgleich er damals selten mit sich zufrieden war.
Trotz verschiedener Erziehung und verschiedener Lebensverhältnisse hatten wir einen gleichen Zug: wir waren beide schreckliche Enthusiasten und Analytiker, liebten aufrichtig das Gute, verstanden aber nicht, es uns regelrecht anzueignen. Wir zergliederten unser Inneres bis in die feinsten Fasern und hielten das für sehr lobenswert, während es tatsächlich nur unsere Phantasie kitzelte, zur Verbesserung unseres Lebens dagegen nicht im geringsten beitrug. Leo war damals schon der alles Kritisierende und Verneinende, allerdings mehr mit dem Verstande als mit dem Herzen. Seine Seele war ebenso für den Glauben wie für die Liebe geboren; das brachte er, ohne es selbst zu merken, bei verschiedenen Gelegenheiten zum Ausdruck.
Unsere Gespräche betrafen oft religiöse Themen; wir verstanden uns aber nicht. Wie konnte ich die unendliche Vielseitigkeit seiner Natur begreifen! Lächerlich, wie ich mich bemühte, ihn auf meine Fasson umzuarbeiten, während er sich vor meinen idealen Theorien fast bekreuzigte. Es kam nichts dabei heraus als endlose Wortgefechte, die allerdings nicht hinderten, daß wir uns immer näher rückten ...
An einem herrlichen Maimorgen also trieben wir auf dem spiegelglatten Genfer See Vevey zu. Dort kehrten wir in der Pension Perret ein, wo es unglaublich schlechte Verpflegung gab. Leo versicherte, die Suppe wäre aus Feldblumen bereitet. »Schmeckst du nicht die heute morgen gepflückten Glockenblumen heraus? Du hast sie weggeworfen, aber die Wirtsleute benutzen sie, und jetzt müssen wir dafür bezahlen!« – Bei Tisch waren noch drei langzähnige, wenig schöne Engländerinnen zugegen, die uns aus irgendeinem Grunde feindselig musterten. Möglich, daß unsere unbändige Heiterkeit ihrer großbritannischen Gesetztheit auf die Nerven fiel – übrigens blieben wir nicht lange, sondern suchten bald Bekannte in der Nähe auf. Leo riß durch seine originellen Einfälle und seine kindliche Heiterkeit alle zur Lustigkeit hin. Eines Morgens begaben wir uns allesamt zu Fuß auf den Glyon – bekanntlich der höchste Punkt in der Nähe von Vevey. Unser Weg war wörtlich wie bildlich mit Blumen bestreut. Ein üppiger Frühling schlug uns ins Gesicht und berauschte uns. Alle ohne Unterschied der Jahre waren ausgelassen wie die Schulkinder. Als der Berg im Schweiß des Angesichts erklommen war, fanden wir das Gastzimmer des einzigen Hotels auf der Höhe brechend voll von Engländern, Amerikanern und allen möglichen Leuten.