Nach dem Tee setzte Leo sich, ohne das zahlreiche Publikum zu beachten, ans Klavier und forderte uns auf, zu singen. Ich darf, ohne Schüchternheit, sagen, daß ich eine schöne Stimme hatte und viel Musik trieb; ebenso Frau Puschtschin, die recht gut Alt sang, während zwei unserer Freunde den Baß übernahmen. Leo machte am Klavier den Kapellmeister.
Ich weiß nicht, ob unser improvisiertes Konzert in musikalischer Hinsicht strenggenommen befriedigte; bei offenen Fenstern aber machte sich in dem großen Raume alles sehr nett, ja poetisch. Wir sangen »Gott erhalte den Zaren«, russische, Zigeunerlieder, alles, was Leo in den Kopf kam ... Der Erfolg war glänzend. Die Ausländer überhäuften uns mit Komplimenten – jeder in seiner Sprache, und baten uns, weiter zu singen. Wir kamen ihnen sehr gelegen: erstens forderten wir wandernde Musikanten keinen Lohn, und zweitens vertrieben wir ihnen die Langeweile.
Am nächsten Tage wiederholte sich dasselbe Schauspiel in unserer Pension. Orpheus, die Bestien bezähmend. Die gefährlichen Engländerinnen wurden derart zahm, daß sie uns Stühle holten, uns mit Tee, Konfekt traktierten usw.
Als mein Urlaub zu Ende war, kehrte ich nach Genf in die Villa Boccage zurück, wohin die Großfürstin zu Frühlingsanfang übergesiedelt war. Leo blieb in Vevey und machte mir Vorwürfe, daß ich mich vom »Schornstein« (so nannte er, ich weiß nicht warum, den Hof) nicht trennen könnte.
In diese Zeit fiel der Beginn unserer langjährigen Korrespondenz: Telegramme, Briefe, Billette flogen täglich über den See. Natürlich ist von alledem wenig erhalten geblieben, doch fielen mir kürzlich u. a. ein paar Verse in die Hand, die Leo mir damals aus Vevey sandte. Ich muß gestehen, daß ich dieses Dokument längstvergangener Jahre mit besonderem Vergnügen begrüßte, obwohl die Verse an und für sich recht harmlos sind. Ich führe sie nur als Beweis unserer damaligen lustigen Stimmung an.
Vorgestern empfing ich
Mütterchens Billett,
Und seitdem verschling ich
Die Pension Perret.
Aller Lustgedanken