Hab ich mich begeben –

Mütterchen, ich möcht’ mit

Dir im »Schornstein« leben.

Außerdem erschien Leo unaufhörlich aus Vevey in Genf, aber nicht allein, sondern in Begleitung zweier Bekannter, deren Späße kein Ende fanden. Im Juni unternahmen wir eine längere Reise mit den Kindern der Großfürstin ins Berner Oberland. Die erste Nachtstation war Vevey in dem bekannten Hotel Monnet. Kaum saßen wir bei Tisch, als ein Kellner mir mit geheimnisvoller Miene meldete, unten sei jemand, der mich zu sprechen wünsche. Voller Ahnungen ging ich schnell nach unten, wo die drei, in lange Plaids gehüllt und mit phantastischen Federhüten, bei meinem Anblick alsbald eine wahrhaft infernalische Musik begannen. Die Noten lagen, wie bei wandernden Musikanten, auf der Erde, und die Instrumente vertraten Stöcke. Stimmen und Stöcke traten abwechselnd in Tätigkeit. Ich verging fast vor Lachen, und die Kinder der Großfürstin waren untröstlich, dieser Vorstellung nicht beigewohnt zu haben.

Nach mehrtägigen Wanderungen über Berg und Tal gelangten wir nach Luzern, und hier tauchte, wie aus dem Boden gewachsen, wieder Leo auf. Er war zwei Tage vor uns angelangt und hatte bereits ein ganzes Drama erlebt, das dann unter dem Titel »Luzern« als Erzählung in der Öffentlichkeit erschien. Leo war schrecklich erregt und konnte seinen Unwillen nicht verbergen. Wir erfuhren folgendes: Tags zuvor hatte ein Wandermusikant sehr lange vor der Terrasse des »Schweizerhof« gespielt, auf der ein zahlreiches vornehmes Publikum versammelt war. Alles hörte dem Musikanten mit Vergnügen zu; als dieser dann aber den Hut hinhielt, um seinen Lohn in Empfang zu nehmen, warf niemand auch nur einen Sou hinein – allerdings ein wenig hübscher Zug, dem Leo aber fast die Bedeutung eines Verbrechens beimaß.

Um sich an der geputzten Gesellschaft zu rächen, nahm er vor aller Augen den Musikanten am Arm, ließ ihn neben sich am Tisch Platz nehmen und ihm dann ein Souper mit Champagner auftragen. Das Publikum und der arme Musikant verstanden kaum die Ironie dieser Handlungsweise. Der Zug charakterisiert aber den Schriftsteller und den Menschen Tolstoi.

Seine Eindrücke waren so stark, daß sie sich unwillkürlich anderen mitteilten. Sogar die Kinder interessierten sich lebhaft für das Abenteuer und baten, Leo möchte mit uns zusammen weiterreisen, was denn auch geschah. Die Kinder wissen noch jetzt, wie er sie auf dem Dampfer belustigte und welch unglaubliche Mengen Weintrauben er verzehren konnte.

Ich bewahre in der Erinnerung noch viele andere scherzhafte Züge Tolstois und will noch einen letzten Vorfall mitteilen, um dann zu ernsteren Dingen überzugehen.

Einst erschien Leo in Frankfurt am Main, als Prinz Alexander von Hessen und seine Gemahlin bei mir zu Gast waren. Ich schrie vor Schreck fast auf, als sich plötzlich die Tür öffnete und in mehr als zweifelhaftem Kostüm Leo vor mir stand. Weder vor- noch nachher habe ich Ähnliches gesehen. Er sah aus halb wie ein Strolch, halb wie ein heruntergekommener Spieler. Ärgerlich darüber, daß ich nicht allein war, machte er einfach kehrt und verschwand.

»Wer war denn diese eigentümliche Person?« fragten meine Gäste erstaunt.