»Das war Leo Tolstoi.«

»Aber warum haben Sie uns das nicht gesagt?! Wir kennen seine wunderbaren Erzählungen und hätten ihn selbst gar zu gern kennen gelernt.«

Beim nächsten Wiedersehen teilte ich Leo diese schmeichelhaften Äußerungen mit; er aber schien nur mit dem einen Gedanken beschäftigt, daß ich mich an jenem Tage seiner wahrscheinlich geschämt hätte.

»Das ist schon möglich,« gab ich offen zu. »Deine wüste Kleidung und dein gefährliches Aussehen mußten jeden abschrecken.«

»›Schornstein‹ bleibt eben ›Schornstein‹,« brummte er beleidigt.

So bekam ich wegen seines Streiches von allen Seiten Vorwürfe.

Nach unserer Rückkehr nach Rußland, wo wir bis 1859 ununterbrochen blieben, kam Leo häufig nach Petersburg und verbrachte dann seine meiste Zeit bei uns: bei meiner Mutter, meiner Schwester Elisabeth, oder bei mir, oben im Marienschloß. Abends versammelten wir uns gewöhnlich bei meiner Schwester, die ein Stockwerk tiefer wohnte. Leo verkehrte mit unseren Bekannten, verulkte sie nicht und hatte viele von ihnen sehr gern. Wenn wir dann allein waren, lieferte er uns eine oft erstaunlich genaue Charakteristik der Abwesenden, als wenn er schon lange mit ihnen zusammen gelebt hätte. Noch ein Zug darf nicht unerwähnt bleiben: Leo hatte schreckliche Angst vor jeder Unaufrichtigkeit, sowohl in Worten wie in Taten. Daraus entsprang nun freilich oft genau die entgegengesetzte Wirkung.

So war er z. B. einmal bei meiner Schwester zu einer Abendgesellschaft eingeladen, an der ziemlich viele Leute teilnahmen. Morgens schrieb Leo mir, er könne abends nicht kommen, da er soeben Nachricht vom Tode seines Bruders erhalten hätte. Seine Brüder hatte er schrecklich lieb. Natürlich schrieb ich ihm, ich verstände seine Handlungsweise durchaus und billigte sie vollkommen. Was geschah dann aber? Er kam abends, als wenn nicht das geringste vorgefallen wäre.

Ich war natürlich sehr erregt und fragte ihn leise, warum er nun doch erschienen wäre?

»Warum? Weil das, was ich dir heute morgen schrieb, nicht der Wahrheit entsprach. Du siehst, ich bin gekommen, also konnte ich kommen.«