Damit nicht genug, gestand er mir später, er sei noch ins Theater gegangen.

»Hast dich wahrscheinlich gut amüsiert?« fragte ich unzufrieden.

»Nein. Als ich nach Hause kam, trug ich eine wahre Hölle in mir. Wäre eine Pistole zur Hand gewesen, ich hätte mich sicher erschossen!«

»In deinem Bestreben, wahr zu sein, machst du die Wahrheit zum Zerrbilde,« sagte ich, und er gab mir sogar hierin recht, konnte sich aber der Experimente an sich nicht enthalten! »Ich will mich durch und durch kennen lernen,« sagte er in solchen Fällen.

In diesem Winter brachte er bisweilen etwas von seinen ungedruckten Sachen mit. So wurden z. B. »Familienglück« und »Drei Tode« zuerst bei uns gelesen. Tolstoi las schlecht, schüchtern und oft anstoßend, und hörte geduldig alle Bemerkungen über seine Arbeiten an. Ob er seine Eigenliebe bezwang oder überhaupt keine besaß – wer kann das sagen! Wahrscheinlich betrachtete er sich damals selbst noch als Dilettanten und wußte nicht, was aus ihm wurde. Wie hätte er sich sonst immer wieder von nebensächlichen Dingen ablenken lassen können.

Projekte wuchsen in seinem Kopf wie Pilze. Bei jedem Besuch brachte er einen neuen Arbeitsplan mit und war begeistert, endlich auf den richtigen Weg gelangt zu sein. Bald beschäftigte er sich mit Bienenzucht, bald mit der Entwaldung von ganz Rußland, oder etwas anderem. Am längsten fesselte ihn die Schule; aber auch sie verschwand spurlos, als er seinen wahren Beruf erkannt hatte.

Aus Leos Briefen kann man sehen, daß unsere persönlichen Beziehungen viele Jahre lang unverändert blieben. Bei jedem Wiedersehen studierten wir, das Bistouri in der Hand, aneinander herum; aber es geschah mit Liebe. Unser reines, einfaches Freundschaftsverhältnis widerlegte glänzend die weitverbreitete falsche Ansicht von der Unmöglichkeit einer Freundschaft zwischen Mann und Weib. Wir standen auf besonderem Boden, und ich kann ganz aufrichtig sagen, wir bekümmerten uns hauptsächlich um das, was das Leben verschönern konnte – natürlich jeder von seinem Standpunkt aus.

Leo machte mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ihn in meine Herzensgeheimnisse nicht einweihte und ihm Persönliches nicht anvertraute. Das geschah aber von meiner Seite ohne jede Absicht und Überlegung. Seine Natur war so viel stärker und interessanter als die meinige, daß sich unwillkürlich die ganze Aufmerksamkeit auf ihn konzentrierte, während ich als Person zweiten Ranges nur so nebenbei agierte.

Wie schon gesagt, bildete die Religion den Hauptgegenstand unserer Unterhaltungen. Voll tiefer Liebe für meinen Freund wollte ich ihn mit fast krankhafter Ungeduld in vollem Glauben sehen, und sonderbar – wir kamen gerade zu der Zeit auseinander, als der Glaube in sein Herz einzog. Aber davon später.

Seit seiner Verheiratung, 1862, lebte er fast gänzlich auf dem Lande, und wir sahen uns weit seltener, obwohl keine Gelegenheit verpaßt wurde. Leo erwischte mich auf der Eisenbahn, als ich mit der Zarenfamilie in die Krim fuhr, und entschloß sich sogar eines Tages, zu mir nach Iljinskoie, der bei Moskau gelegenen Besitzung der Kaiserin, zu kommen. Das war 1866. Ich entsinne mich, unter anderem, wie dieser Besuch die kleinen Großfürsten erregte. Sie hatten schreckliches Verlangen, den berühmten Schriftsteller zu sehen, und verlegten sich auf alle möglichen Listen: guckten durchs Fenster und in die Tür – was Leo und mich höchlichst amüsierte.