Ich weiß noch, daß er mir damals von seinem Streit mit Turgenjew erzählte, der fast zum Duell führte. Die Einzelheiten dieses Streites sind aus meinem Gedächtnis entschwunden (die Ursache war ganz nichtig). Tolstois Worte aber habe ich nicht vergessen.

»Ich kann dir die Versicherung geben,« sagte er, bis zu den Ohren errötend, »daß meine Rolle in dieser dummen Geschichte keine schlechte war. Ich trug nicht die geringste Schuld und schrieb trotz meines reinen Gewissens Turgenjew einen durchaus freundschaftlichen versöhnlichen Brief; er aber antwortete daraufhin so grob, daß ich wohl oder übel jeden Verkehr mit ihm einstellen mußte.«

Später wurde alles beigelegt, und die beiden sahen sich auch wieder; richtige Freundschaft aber kam nicht mehr zustande – die beiden waren gar zu verschiedene Charaktere.

Ich will nicht annehmen, daß Turgenjew heimlichen Schriftstellerneid gegen Tolstoi hegte. Aber selbst wenn das der Fall war, hat er durch seinen Brief kurz vor dem Tode alles wieder gutgemacht. Man wird diese Zeilen nicht ohne tiefe Rührung lesen. Hier sind sie: Bougival 27. oder 28. Juni (der Brief ist mit Bleistift geschrieben).

»Lieber und teurer Leo Nikolajewitsch! Ich habe Ihnen lange nicht geschrieben, denn ich lag und liege, offen gesagt, auf dem Totenbett. Genesen kann ich nicht mehr, und daran denken hat keinen Zweck. Ich schreibe an Sie, um Ihnen zu sagen, wie sehr es mich gefreut hat, Ihr Zeitgenosse zu sein – und um Ihnen meine letzte aufrichtige Bitte auszudrücken. Mein Freund! Kehren Sie zur literarischen Tätigkeit zurück! Diese Gabe rührt von dem her, von welchem alles kommt. Ach wie würde ich glücklich sein bei dem Gedanken, meine Bitte könnte auf Sie einwirken. Ich bin mit meinem Leben fertig – die Ärzte wissen nicht einmal, wie sie meinen Zustand nennen sollen – neuralgie stomacale goutteuse. Kann weder gehen, noch essen, noch schlafen ... Aber wozu das wiederholen ...

Mein Freund! Großer Schriftsteller der russischen Lande! Befolgen Sie meine Bitte. Lassen Sie mich wissen, wann Sie dieses Schreiben erhalten, und seien Sie mit Ihrer Frau und all den Ihrigen noch einmal fest umarmt! – Ich bin müde; kann nicht mehr ...

Turgenjew.«

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber für mich spricht aus jedem Wort dieses rührenden Briefes ein neuer und tröstlicher Seelenzustand Turgenjews.

Turgenjew war ein Jahr vor seinem Tode bei mir, verbrachte den ganzen Vormittag in meiner Gesellschaft, und dabei war u. a. auch von Tolstoi die Rede. Damals erschienen schon Tolstois sogenannte theologische Schriften. Turgenjew verhielt sich höchst ablehnend dagegen und konnte es nicht verwinden, daß Tolstoi die literarische Tätigkeit aufgegeben hatte, »pour écrire de pareilles billevesées« (um solchen Unsinn zu schreiben), wie er sich ausdrückte. »Und beachten Sie wohl,« fügte Turgenjew hinzu, »daß auch sein Stil jetzt einem unergründlichen Sumpfe gleicht.«

Dem konnte ich nicht beistimmen. Man muß hier einschalten, daß Turgenjew einfach nicht imstande war, Tolstoi überallhin zu folgen. Dieser konnte sich irren – gewiß. Doch suchte er stets die Wahrheit, litt und quälte sich ihretwegen, während Turgenjew auf seinem verneinenden Standpunkt beharrte und fast damit kokettierte. Im übrigen haftete ihm der faszinierende Reiz des Künstlers an; man konnte ihm lange zuhören; aber in seinen Worten wie Taten kam stets eine gewisse Oberflächlichkeit zum Ausdruck, und unsere letzte Begegnung hinterließ in mir ein trauriges Gefühl. Wir sprachen französisch. Hübsche Phrasen flossen wie Musik aus seinem Munde – schade, daß ich sie damals nicht aufschrieb. Ich weiß aber noch, daß ich ihn schließlich unterbrach: