Am selben oder nächsten Tage waren wir abends allein in Tolstois Arbeitszimmer. Er war nicht sehr fröhlich und brachte selbst die Unterhaltung auf folgendes Thema (wahrscheinlich hatte ihn etwas gereizt):
»Du sagst immer, ich atme und lebe nur von Weihrauch. Wie viele Menschen tadeln mich aber ganz mit Recht, weil mein Leben mit meiner Lehre nicht übereinstimmt.«
»Mir scheint,« erwiderte ich, »daß man dich am meisten wegen deiner unerfüllbaren Theorien tadelt. Um sie buchstäblich zu erfüllen, müßtest du damit beginnen, daß du zunächst einmal verschwändest – nicht wahr? Du hast aber Familie und hast kein Recht, weder sie zu verlassen noch ihr dein Streben und deine Überzeugungen aufzubürden. Du selbst hast bis in dein reifes Alter angenehm gelebt – das wollen sie auch, da sie nicht die geringste Neigung zur Bettelarmut und Feldarbeit oder zum Leben in einer Hütte verspüren.«
Leo hörte schweigend zu. Ein finsterer Ausdruck zog über sein Gesicht. Endlich sagte er, tief atmend: »Du siehst, ich handele ja auch so (daß ich ihnen in allen Dingen freie Hand lasse); aber es wird mir schwer ...«
Nach dem Tee las Leo uns norwegische Novellen in russischer Übersetzung vor, die er sehr lobte und auch tatsächlich gut las, allerdings etwas befangen, wenn gefährliche, d. h. nicht ganz anständige Stellen kamen.
Ich sah Tolstoi seitdem noch zweimal. Einmal bei meiner Durchreise durch Moskau nach Woronesh zur Prinzessin von Oldenburg auf der Bahnstation, wohin er mit seiner Tochter Tanja kam und sehr fröhlich war, so daß mir der allerangenehmste Eindruck blieb. Ich scherzte, daß er so elegant gekleidet sei; er trug einen wirklich sehr feinen Pelz und ebensolch schöne Mütze – wahrscheinlich Fürsorge seiner Frau –, er selbst wäre nie auf den Gedanken gekommen.
Als die Zeit zum Einsteigen kam, gab Leo mir die Hand und fragte, ob ich mich nicht genierte, mich mit ihm zu zeigen.
»Auf englisch nennt man das ›fishing for compliment‹,« sagte ich, »du weißt sicher, lieber Freund, daß viele Damen in diesem Augenblick an meiner Stelle sein möchten.«
Meine Liebenswürdigkeiten waren so selten, daß er sich hiermit zufriedengab. –
Mein zweites und letztes Wiedersehen fand einige Jahre später in Petersburg statt.