Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand, welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.

"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher Herzlichkeit, "—wie geht es Ihnen,—ich habe Sie bitten lassen zu mir zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,—es gährt und bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem Rath überschüttet,—daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind."

"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu sein," erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,—"fast möchte ich sagen—ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut ausspreche."

"Und gehören Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, daß diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft?—Sie haben es gelernt," fuhr er fort, "die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet,—und der vor den Tiefen des Abgrundes nicht zurückschaudert,—was sehen Sie auf der Höhe,—was sehen Sie in den Tiefen,—sprechen Sie frei und offen—Sie wissen, daß ich zu hören und zu lernen verstehe," fügte er mit freundlichem Lächeln und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.

"Ich habe Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "meine Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner wahren und unverhüllten Ueberzeugung,—diese Ergebenheit werde ich Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät werden das wirklich Richtige zu erkennen."

"Sie halten also die Situation für ernst?" fragte der Kaiser, indem er sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois einen Sessel neben sich bezeichnete.

Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels, blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn gerichtete Frage zu antworten:

"Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den Höhen hinauf zu blicken,—nun wohl, Sire,—ich habe nach beiden Richtungen scharf beobachtet—und werde Eurer Majestät frei sagen, was ich gesehen."

Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes spielend, aufmerksam zu.

"In den Tiefen, Sire," sagte Clément Duvernois, "sehe ich die finstern Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,—da sie fühlen, daß der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie früher."