Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,—doch blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.
"Die friedlichen Bürger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter, "wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird. Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig,—die Repräsentanten der Nation berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit freut sich der Ruhe und Ordnung.
"Was aber, Sire," fuhr er mit erhöhter Stimme fort,—"was birgt die Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich versammeln sich vier bis fünftausend Individuen—Feinde des Besitzes, Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht—diese Individuen versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten Linken,—von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen. Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu zerstören.
"Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen, keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am Hute tragen.'"
Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer—sein Blick verhüllte sich völlig unter den Augenlidern.
"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgängen in Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde."
Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach mit ruhigem Lächeln:
"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie mir nicht bestimmt—so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben keine Gefahr bringen."
"Ich weiß," erwiderte Duvernois, "daß Eure Majestät keine Gefahr scheut und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich erzähle, was man dort gesprochen hat—Diejenigen, welche so laut reden, sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift."
"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber," fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten Gesicht Duvernois' ruhte—"was haben Sie auf den Höhen gesehen?"