Clément Duvernois schwieg einen Augenblick.
Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete, dunkelglühende Auge zum Kaiser auf.
"Auf der Höhe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich, Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben—der aber—"
"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit gespannter Erwartung aufblickend.
"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Krönung des
Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern
Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch
untergraben."
"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige rufen kann: Der Kaiser ist todt—es lebe der Kaiser."
"Die edle Absicht Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "erkenne ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen, würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät bezwecken will, wenn—diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen Händen lägen."
Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:
"Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken kann?—Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen, welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten—sie sind todt.—Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es, eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe."
Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen.