Der Kaiser lächelte.
"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "daß man mir die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu lassen.
"Doch hören wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin, "den genauen Bericht."
Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines
Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr
Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem
Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn
zurückgestrichenem Haar in das Cabinet.
Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede des Kaisers erwartend.
"Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon.
"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestörungen sind nicht ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles beendet."
"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.
"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der Präfectur gebracht—auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles beendet."
"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "daß die Sache ernst ist; wenn man erst den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern, wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine solche Bewegung annehmen kann."