Drittes Capitel.
Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes in das Cabinet.
Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden. Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer.
Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an seine Lippen führte.
"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum können Sie," fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, "Ihr Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses unruhigen Frankreichs."
"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie sich in einen Lehnstuhl warf, "daß Sie jene Jugend und Energie wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter fort, "daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist, den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der Stadt stattgefunden?
"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den Haß gegen die Regierung zu schüren."
"Ich habe gehört," erwiderte der Kaiser ruhig, "daß einige Unruhen stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten."
"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "daß man Ihnen das noch nicht erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.
"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzuführen, statt ihn einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr bedenkliche Aufregung."