"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und verwundert anblickte, "ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner Cabinets uns gegenüberstellt.—Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lächelnd, "obgleich ich mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen."

"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen
Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns
Hülfe und Beistand."

"Um Hülfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muß man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland wieder aufzunehmen."

"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, daß Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert."

"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und kalt, "das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen. Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann, nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?"

"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit, "indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort, "scheint man dort—ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben aussprachen—dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde, in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland eingewilligt hat."

Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de
L'huys' ernste Züge.

"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in der österreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen.—Nein, Sire," rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande, auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus bietet."

"Und würden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die französische Politik nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf die alte Höhe zurückführen soll?"

"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,—die unzufriedenen Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das Aeußerste zu wagen."