"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen."
"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "daß Diejenigen, die dies Eurer Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen, würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren, ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines Krieges stürzen—dann, Sire—ich spreche meine innigste und festeste Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes preisgegeben sehen."
Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem
Schnurrbart.
"Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer
Action nach Außen vorhergehen müsse?" fragte er.
"Ebenso gewiß," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem
Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein,"
sagte er mit leiser durchdringender Stimme,—"verzeihen Sie meine kühne
Aufrichtigkeit—daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch
Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können."
Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.
"Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde geziemt,—doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, daß die in's Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in welcher Weise dies geschehen könnte.—Sie haben mir selbst," fuhr er nach einer kleinen Pause fort, "früher den Rath gegeben, den kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen, daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe hervorgerufen."
"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestät hierbei einen Fehler gemacht haben. Das heißt," schaltete er, sich verneigend ein, "nach meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen befohlen haben—einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche Folgen gehabt hat."
"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend.
"Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen einführen lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen, welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber," fuhr er fort, "eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert,—ebenso wie es auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher nicht, wie Eurer Majestät bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben wollen.—Ebenso wie Herr Ollivier," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, "ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln durch ihn durchführen zu lassen."