Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen Vermögen und seiner Pension lebte.

Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz bewegte.

Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten, wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob seine Gedanken anderswo weilten.

Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne desselben.

"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk für dies Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fügte er seufzend hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit der Zeit zu steif und schwerfällig geworden."

"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben, wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken."

"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt.
"Das ist mir unendlich erfreulich," fügte er hinzu, "doch begreife ich
nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner
Wirthschaft entziehst."

"Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von Rantow,—"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich in die Ferne zu richten schien, "Du weißt, mein Sohn ist in seinem Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle bewerben möge;—wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen."

"Du bist glücklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas wehmüthigem Ton, "daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin. Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben geblieben,—vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"—sagte er, leicht mit der Hand über die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist."

"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, "Du darfst nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist," fügte er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, "sich zuletzt sagen zu können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat."