"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen."
"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden, den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire, wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte."
Der Kaiser erhob sich.
"Und dann," sagte er, "dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre
Unterstützung nicht fehlen wird."
"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie dieselben acceptiren, auszuführen."
"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an guten Gedanken und Entschlüssen.—Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur Ausführung zu bringen."
Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.—Napoleon stieg mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den Tuilerien zurück.
Viertes Capitel.
In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.
Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt, und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand hielt.