"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wären sie im Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fügte er hinzu, "dort im letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fügte er hinzu, "welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine gute Cigarre erschwingen können."
"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, "was sollen wir dann sagen, die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten können."
"Dafür aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der
Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!"
Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.
"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, "ein Freund von mir, der Baron von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit, ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.—Ich glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich dabei zu betheiligen."
Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres und eingehenderes Gespräch.
Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor ihnen.
Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte.
Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah.
Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin- und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas besonders empfohlenen Weins zu serviren.