Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger
Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden
Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht,
sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen
Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine
Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.
Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und begaben sich in den Tanzsalon.
Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter einer Decoration von grünen Gewächsen standen.
Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.
"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld,"
sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt
Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim
Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie—" fügte sie, die
Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend
Etwas übel genommen?"
"Wie könnte ich das," erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen ließ. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin verstimmt—und mehr als verstimmt—ich bin traurig, ernsthaft traurig—und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein."
"Und warum das?" fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte übrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig machen könnte."
"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest und grade in die Augen sah, "so muß mich das eigentlich noch trauriger machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz eingezogen wären."
Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme.
"Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen? Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil werden kann."