Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.

Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des
Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm
verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen
Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des
Reichskanzlers Platz.

Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen
Schreibtisch gelegt und sagte.

"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich, Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb," fuhr er fort, "wenn diese Negotiation—doch in möglichst unbestimmter Form sich lange hinzöge.—Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz, wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde, dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde.—Der Fürst Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein, zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte."

"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "daß eine wirklich aktive Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die Stimme der öffentlichen Meinung," fuhr er fort, "läßt darüber keinen Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge geschehen ist."

"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen Nachdenken, "daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen, niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen mitzutheilen.—Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter Umständen viel schaden."

Herr von Hoffmann verneigte sich.

"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen."

Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.

"Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der König Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und von Thüngen lebhaft besprochen haben."