"Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas Demonstratives.—Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält.—

"Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt, im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines Vertrauens giebt."

Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern
Unmuths.

"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung, mich verantwortlich zu machen.—Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er fort, "Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann, aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist er vollständig in den Händen der Ultramontanen.—Doch," fuhr er fort, "die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu verlieren;—bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die Arme treiben.

"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über denselben gleiten ließ, "als——ich habe da eine merkwürdige Mittheilung auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie.—

"Sie wissen," sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist, demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe dispensirt.—

"Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft," sprach er weiter, "auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder gut zu machen—

"Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter darüber nachdenken.—Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die Entwickelung des Staatslebens zu brechen."

Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.

Graf Beust erhob sich.