"Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz Frankreich dafür halten lassen.—Man wird also," fuhr er fort, "dem Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen Kriegsfall haben."

Herr von Beust lächelte abermals.

"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, daß ich das größte
Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie
Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß
ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die
Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn
ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die
Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare
Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die
Grenzen des Möglichen überschreiten."

Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander, richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit scharfer Betonung:

"Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen, was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen. Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm stellt."

Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.

"Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu rathen.—Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath bitten?"

"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath, das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen.—Es war nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit, wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen haben—den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung in die Ereignisse hineintreiben zu lassen."

"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.—

"Ich meine," sagte der Staatsrath, "daß der Augenblick gekommen ist, um einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann—allerdings unter veränderten Verhältnissen—jene alte Tripelallianz wieder hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches; wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866 verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde. Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren. Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen; vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin nachdenken—vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer aufgegeben werden müssen."