Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher
Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.

"Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?" fragte er.

"Die Erinnerungen an die große Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist Alles zu erhalten, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen," fuhr er fort, "auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen. Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird. Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber," fügte er hinzu, indem sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen hinüberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden."

"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton.

"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten, wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von innen her verhindert würde—wenn Oesterreich gezwungen werden sollte, dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig nach Pesth zu verlegen—vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen Collegen."

Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und sprach:

"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich hoffe—Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen—?" fügte er mit einem fragenden Blick hinzu.

"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten."

"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann über Ihre
Beobachtungen weiter au courant zu halten."

Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ.