"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen Stuhl zurücklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich!—Er ist zwar sonst gut unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu seiner Kenntniß kommen.—Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber nachforschen lassen.—Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen für zweifellos halten.—Ich habe es übernommen," sprach er ernst, den Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend, den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fügte er leise hinzu, "daß diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch unüberlegtes Handeln gefährde."

Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben aufgehäuften Depeschen zu durchlesen.

Sechstes Capitel.

In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter rother Decke überhangenen Tisch.

Der König trug den weiten Ueberrock seiner österreichischen Uniform und rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze.

Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem
Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die
Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.

Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.

Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen, durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät.

Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab, welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien, und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor sich hinblies.

"Von allen schweren Schicksalsschlägen," sagte der König, "die mich in diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß—daß Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und," fuhr er fort, "daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten."