"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weißt Du denn gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne erscheint—und wie vielleicht Manche," fügte sie ein wenig zögernd hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen."

"Ich auch nicht," rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben, ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination—das höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?"

"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Düring, wie auch Herr von Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch, wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fügte sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem Kampf gegeben hast—wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben—sollte man dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man aufklären müßte."

"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der König, schmerzlich aufseufzend, indem er den Kopf in die Hand stützte. "Das habe ich mir auch schon oft gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und meiner Sache zu schaden."

"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Auflösung der Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für ihre übereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa," fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu prüfen und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden."

"Gott weiß es," rief der König, "wie schwer es mir wird, überhaupt die Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher berührt mich der Widerstand, dem ich begegne.—Ich werde," rief er nach kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hören,—ich will die ganze Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung."

"Und wenn die Legion aufgelöst wird," sagte die Prinzessin, "würde es dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken?—Windthorst hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten."

"Niemals," rief der König lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit zu bestrafen.—Und das werde ich nie zugestehen."

Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu Seiner Majestät Befehl.

"Er soll kommen," rief der König lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein
Töchterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der
Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn
reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte.